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diese höchste Macht der Gesammtheit des Volkes einwohne. Ref. erinnert den Verf. an die ausdrücklichen Bestimmungen deshalb in der nordamerikanischen Verfassung vom 18. Sept. 1787, in dem Bundesvertrage der Schweiz vom 7. Aug. 1815, an die Verfassungen der einzelnen Schweizercantone, an die Verfassungen der neuen amerikanischen Republiken, und selbst, im monarchischen europäischen Staatensysteme, an die Verfassungen der Königreiche Norwegen und Belgien.

Dagegen stimmt Ref. dem Verf. völlig bei, wenn er (S. XII) ausspricht: „Die, welche die Einführung reprå: sentativer Verfassungen für das Erforderniß der Zeit und der Bildung erachten, und welche in derselben eine großere Sichers heit des Lebens und des Staates finden, haben vor Anderm zu begreifen, daß durch die Demokraten dieses Biel am wenigsten erreicht werden kann. Sie haben von diesen Demokraten sich nicht allein zu trennen, weil sie nichts mit ihnen gemein haben; sie haben sie selbst zu bekämpfen, weil Zerstörung und Tyrannei in ihrem Ges folge kommen müssen. Je schärfer und bestimmter diese Irennung hervortritt; desto besser wird es für die Welt nicht allein überhaupt, sondern auch für das repräsentative Sy stem seyn." – Täuscht Ref. fich nicht; so kündigt sich diese Trennung der Anhänger des Systems der Reformen und der Unhånger des Princips der Bewegung, das, in folge: rechter Anwendung, zur Revolution führet, bereits in Frankreich und in Deutschland -- selbst in mehrern teutschen Kammern unverkennbar an; und darf Ref. feiner Ahnung sich überlassen, so wird diese Trennung binnen zehn Jahren zu einem förmlichen Schisma werden (ähnlich dem zwischen den Lutheranern und Calvinisten in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts). Ref. erklårte bereits Einleitungsweise sich über die Grund: lichkeit der geschichtlichen Darstellung in diesem Werke, ind über den besonnenen Geist, der in Hinsicht der politischen Urtheile in demselben herrscht, so schwierige Aufgaben auch im Einzelnen zu lösen waren, und in der Fortsetung des Werkes noch zu lösen seyn werden. Darf er aber einige Bemerkungen sich erlauben; so würde er, im Ganzen, zuvörderst dem Werke weniger Ausdehnung wünschen, weil bei einer gleich må ßigen Durchführung, nach dem Maasstabe der in den vorliegenden zwei Bånden - bez handelten zehn Jahre, wenigstens noch sechs gleich starke Bånde erfordert werden, um zum Jahre 1833 zu gelangen. Dann dürfte aber das Werk für viele Käufer zu kostspielig werden. Weiter bemerkt Ref., daß er in der Darstellung mehr einzelne Ruhepuncte (Zeiträume, Epochen, Capitel u.s.w.) und ein vollständiges Inhaltsverzeichniß bei jedem Theile gewünscht håtte, weil für das Nachschlagen einzelner Vor: gånge und Ereignisse nicht gesorgt ist. Endlich würde Ref. Th. 1. S. 1-115 entweder ganz weggelassen, oder sehr verkürzt in der Behandlung gewünscht haben, weil das eigent: liche Thema des Werkes: „der Anfang der französischen Res volution in dem Kampfe der privilegirten Stånde gegen das Königthum" erst auf S. 115 beginnt. Ref. Verkennt das viele Zweckmåßige nicht, was der Verf. in der Einleitung mit der Ueberschrift: „vom Gange der Ereignisse (von wo an? Ref.) behandelt; allein das, was wirklich zum Verständnisse des angedeuteten Principienkampfes in die Einleitung gehörte, hätte, nach seiner Ansicht, auf höchstens zwei Bogen gesagt werden können, ohne zu tief ins Mittelalter, und bis auf die Zeiten der Karolinger zurück zu gehen.

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Wenigstens håtte der im Mittelalter vorherrschende Princi: pienkampf zwischen geistlicher und weltlicher Macht, als Analogie des seit 1789 begonnenen Principienkampfes, etwas mehr hervorgehoben werden können.

Doch diese subjectiven Ansichten des Ref. follen den Werth eines Werkes nicht verkürzen, über welches Ref. be: reits sein allgemeines Urtheil abgab. Hat nun Ref. weiter oben den Verf. nach seinen politischen Ansichten einges führt; so möge folgende Stelle für seine geschichtliche Darstellungsweise sprechen. Ref. wählt die (etwas verkürzte) Schilderung des Ministers Durgot (Th. 1. S. 117), oba gleich Nef. nicht allen einzelnen Heußerungen des Verfs. über diesen ungewöhnlichen Staatsmann beitritt, der so hoch über seiner Zeit stand, wenn er gleich in einigen Unsichten der: felben (z. B. als Physiokrat) befangen war. ,,Ats Minister trat er mit strenger und unerschütterlicher Redlichkeit, mit reinen Sitten und offenem Gemüthe fast nothwendig in einen Kampf mit dem Hofe. Seine Ansichten über den Staat und dessen Leben, wenn es vernunftgemäß seyn sollte, machten ihn nicht minder zum Gegner der privilegirten Stånde. Jurgot war ein eifriger Freund der neuern Philo: sophie, auf das Christenthum legte er keinen besondern Werth; der Clerus mit seinem Reichthume und mit seinen Freiheiten erschien ihm als eine unnütze Last des Staates; das Daseyn eines Adels schien ihm unverträglich mit der Vernunft, und zuletzt wollte er auf die Demokratie hinaus (? Ref.), die Rousseau geprediget hatte, wenn er auch nicht als Minister mit ihrem Volgehalté hervorzutreten wagte. (Håtte wirklich der Minister Jurgot die unzähligen Einseitigkeiten und Mångel Rousseau's nicht erkannt; so war er seiner hohen

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Stellung nicht gewachsen. Ref.) Jurgot fand bei dem Antritte seines Amtes die Finanzen in einem wilden und ordnungslosen Zustande; es war ein bedeutendes Deficit vorhanden. Sparsamkeit, erklärte daher Turgot dem Könige unverhohlen, müsse jevt die erste Pflicht seyn, und der Konig selbst müsse feiner Güte Schranken Teken, und bedenken, daß die Gaben, die er unter die Hofleute vertheilen wolle, dem armen Volke abgepreßt werden mußten. Das war freilich an dem französischen Hofe eine neue und unerhörté Lehre, eine Lehre, die den Minister sogleich in Kriegsstand fast mit allen Umgebungen des Königs sekte.

Für die Zukunft wollte Turgot aber auch die reinen Einkünfte des Staates gesteigert wissen, was schon darum nöthig war, wenn an eine allmählige Abtragung der aus den Zeiten Ludwigs 14 herrührenden Staatsschuld gedacht werden sollte. Nicht sofortige neue Abgaben, sondern ihre gleiche Vertheilung, Hinwegråumung der Hindernisse, welche der Indus strie und dem Wohlstande des Volkes im Wege waren, follten die Kräfte des Staates in die Höhe heben. Daher be: wog Turgot den König, alle Beschrånkungen des Frucht: und Weinhandels im Innern des Reiches aufzuheben, die Zünfte und die Inņungen abzuschaffen, so wie die Wegefrohnen. Schon diese Verfügungen, so wenig bedeutend sie auch waren (? Ref.), hatten den heftigsten Widerstand auf: geregt, in welchem alle Betheiligte sich vereinigten. Die privilegirten Stånde und besonders der Clerus wurden gegen den Minister auf das heftigste aufgeregt, als er deutlich von der Nothwendigkeit der Einführung der gleichen Bes steuerung redete. Alle Mittel wurden in Bewegung gesekt, um den verhaßten Mann zu stürzen, der davon zu reden

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gewagt hatte. Der Minister verbarb sich aber bei dem Koz nige selbst durch den Antrag, den er zur Errichtung einer neuen Administration des Reiches machte. Municipalitäten der Grundbesiker sollten in den Provinzen die Abgaben vertheilen, und eine große Nationalmunicipalitåt, aus Depus tirten der Provinzialmunicipalitäten zusammengefegt, um den König fich sammeln. Diese Municipalitåten sollten nicht entscheidend, sondern nur mit Vorschlag, Rath und Bitte dem Könige zur Seite stehen. Aber Ludwig sah darin Gefahr für die Autokratie, und der Minister ward (12. Mai 1776) seines Amtes entlassen.“

Die Leser der „Jahrbücher“ kennen aus diesen kurzen Bruchstücken den Verf. des vorliegenden Buches. Sie werden ihm gern in der Schilderung der Massen der Begeben: heiten Frankreichs in dem Zeitabschnitte von 1789 - 1799 und der gleichzeitigen europäischen Ereignisse folgen, und in der großen Mehrheit seiner ausgesprochenen Urtheile über hervorragende Individuen und durchgreifende Thatsachen mit ihm übereinstimmen, zugleich aber auch der baldigen FortTekung des Werkes entgegen sehen.

P.

Die öffentliche Meinung. Stuttgart, 1833, Neff. 18 S. gr. 8.

Wer über die öffentliche Meinung schreibt, muß selbst die öffentliche Meinung über sich ertragen. Für den Verf. der vorliegenden kleinen Schrift ist diese Meinung günstig; er ist freisinnig, aber gemäßigt; er spricht sachreich und klar; er kennt und benukt die Geschichte; im Ganzen gehört er zu dem wohlverstandenen juste- milieu. Er schreibt aber zu aphoristisch, um den wichtigen Gegenstand zu erschöpfen,

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