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Ueber die weltbürgerliche Richtung unserer klassischen Literatur.

Von Oberlehrer E. Einert. Programm des Gymnasiums zu Arnstadt. 1865. 4. 16 S.

Ein Zug zum Weltbürgerthum, sagt der Verfasser, liegt in unserer Nation; aber besonders hat sich diese Richtung in der Literatur am Ende des 18. Jahrhunderts ausgesprochen. Grund desselben ist einerseits das gesunkene nationale Bewusstsein unseres Volkes, die Unkenntnis der glorreichen Vergangenheit, andererseits nach dem patriotischen Aufschwunge unter Frierich dem Grossen die spätere Politik Preussens, ferner die äusserlich unebrenvolle Stellung der Vertreter der Literatur, besonders aber die geistige Bewegung, die von Rousseau ausging und zur Humanitätsidee führte, zur Verachtung des Patriotismus. Besonders ist Herder für das Weltbürgerthum hegeistert und Lessing schien die Vaterlandsliebe eine heroische Schwachheit; der Patriotismus der Alten war Wieland ein Greuel; Göthe war durch seine gesunde Natur vor den Schwärmereien auderer Weltbürger gesichert, aber zu den Weltbürgern rechnete auch er sich; Schiller ist als Dichter, wie als Historiker und Philosoph, auch in dieser Einseitigkeit befangen. Jean Paul ist die Vaterlandsliebe nichts als eine eingeschränkte Weltbürgerliebe. Nicht minder huldigte Kant dieser Richtung. In den ersten Jabren der französischen Revolution steigerte sich das Weltbürgerthum bis zum Enthusiasmus, man denke an Klopstock, an Forster. Als die blutige Wendung der RevoJution die Franken nicht mehr als Weltbeglücker erseheinen liess, gab man die Ideale selbst nicht auf, sondern zog sich auf geistige Gebiete znrück; Deutschland erscheint als ein halbbarbarisches Land in vielen Schilderungen Göthe's, Jean Paul's, Hölderlins; der Wandsbecker Bote und Möser wurden verkannt. Aber unter der äussern Noth erwachte bald ein anderer Geist. Schiller wandte sich der Vaterlandsliebe zu, seine Dichtungen begeisterten später das Volk zum Kampfe. Göthe und Wieland aber verebrten die Grösse Napoleon's, und Hebel, der begeisterte Freund seiner Heimath, bat kein Mitgefühl für die Schmach des deutschen Volkes. Die neuerwachende Sehnsucht unserer Nation nach den Gütern des eigenen Vaterhauses spiegelt sich zunächst in der Romantik; die deutsche Heldendichtung, das deutsche Volkslied erheben wieder wie in alter Zeit. So erstarkte der nationale Geist. An die Spitze der nationalen Bewegung stellen sich die bekehrten Weltbürger Görres und Fichte. In der Literatur der Freiheitskriege finden wir den warmen Pulsschlag deutschen Lebens.

Ceber Lessing's Emilie Galotti. Von Fr. Diez, Lehrer an

der höheren Töchterschule zu Magdeburg.

Der Verfasser gibt kurz den Stoff an, den Lessing vorfand, und den Plan des Stückes, und widerlegt einige Einwürfe, welche gegen die Composition desselben und gegen die Motivirung der That Odoardo's erhoben sind. Was den Scbluss betrifft, den schwierigsten Gegenstand, so lässt er sich auf derselben nicht ein.

Veber einige weibliche Charaktere in Schiller's Dramen. Von

Dir. Dr. Lilienthal. Programm des Progymnasiums in Röschel 1865. 4. 22 S. Der Verfasser polemisirt mit Recht gegen Hoffmeister, der alle Schiller'sche Frauencharaktere in die sentimentale, heroische und kaltverständige Richtung vertbeilt; er weist nach, wie der Begriff der Sentimentalität, wenn man ihn richtig fasse, wenig auf mehrere passe. Amalie und Luise gehören unstreitig zur Gattung der falschen Sentimentalität, die Gräfin Wallenstein durchaus nicht, auch kaum Beatrice. Bertba im Fiesko ist ohne Empfindelei, sie zeigt sich aber durchaus nicht gleichmässig. In Hedwig, die Hoffmeister sehr unrichtig beurtheilt, welche vielmehr der beste weibliche Charakter ist, den Schiller gedichtet hat, ist keine Spur von weichlicher Sentimentalitat; ebenso ist Bertha im Tell ohne Ueberspanntheit. Maria Stuart ist als starke Seele fast durc gezeichnet. In Thekla ist alles blühende Jugendfriscbe. Leonore im Fiesko ist weit von dem Heroismuş entfernt, dem sie Hoffmeister nähert,

Ueber Schiller's Wallenstein. Von Th. Hohenwarter. Pro

gramm des Gymnasiums in Görz. 1865.

Eine kurze Geschichte der Entstehung des Dramas und eine im Ganzen nicht unrichtige Charakteristik der Hauptpersonen des Lagers, Wallenstein's selbst und der wichtigsten unter seinen Freunden und Gegnern. Ein interessantes Bild von den Gymnasien in Friaul bietet der Anbang, welcher Abiturientenarbeiten von deutschen, italienischen und slovenischen Schülern in ihrer Muttersprache und im Deutschen enthält; die Aufsätze des Italieners und des Slovenen zeugen von einer sehr anerkennungswerthen Herrscbaft über die deutsche Sprache.

Jean Baptiste Rousseau. Eine literarische Skizze von Real

oberlehrer Dillmann. Programm der höhern Bürgerschule zu Wiesbaden. 1865.

Jean Baptiste Rousseau (geboren 1670, gestorben 1741) bat bei seinen Landsleuten die verschiedensten Beurtheilungen gefunden. Der Verfasser setzt nicht blos auseinander, dass er, worüber man einverstanden ist, für das Drama durchaus nicht geboren war, sondern auch, indem er seine lyrischen Gedichte analysirt, dass er in diesen binter seinen Vorbildern weit zurück blieb, dass es ihm zwar nicht an Eleganz der Form, wohl aber an einem tiefen und wabren Gefühl mangelte. Das ungünstige Geschick, welches ibn sein Leben bindurch verfolgte, hat er selbst verschuldet; übermässige Eitelkeit und Unbesonnenheit haben ibu in die vielfachen Irren gestürzt. Herford.

Hölscher.

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Miscellen.

Ueber die nur in Verbindung mit Präpositionen auftretende

Relativform qui im Französischen. Ueber diese Form, mit deren richtiger Auffassung auch die Lehre von der Rection der französischen Präpositionen eng zusammenbängt, finden sich in den am meisten gebräuchlichen Schulgrammatiken immer noch so widersprechende Angaben, dass es vielleicht nicht überflüssig sein dürfte, dieses qui einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Durch dasselbe ist z. B. der sonst treffliche Knebel veranlasst worden, in $ 37, c und $.65 seiner Schulgrammatik zu behaupten, dass die französischen Präpositionen den Nominativ regieren. Ist das aber nicht ein arger Verstoss gegen die Grundsätze der allgemeinen Grammatik ? Schmitz (Französische Grammatik in möglichster Vollständigkeit und Einfachheit, S. 64) giebt die Regel: „Der Accusativ que geht keine Verbindung mit Präpositionen ein. Daher werden qui und quni in Verbindung mit Präpositionen sowohl fragend als bezüglich gebraucht.“ Schmitz nimmt also wohl an, dass die französischen Präpositionen den Accusativ regieren und dass auch qui ein solcher Accusativ sei. Plötz lehrt in seinem Elementarbucbe (S. 166): „Die Präpositionen regieren keinen Casus;" in seiner Schulgrammatik spricht er von deren Rection gar nicht, macht aber in Nr. 38 des Anbangs folgende Bemerkung: „Dem Latein lernenden Schüler mag man die Regel geben : Die französischen Präpositionen regieren den Accusativ, da man ibm sagen und an Beispielen deutlich machen kann (pont von pontem, dent von dentem u. 8. w.), dass die französische Form des Nomens aus der lateinischen Accusativform entstanden ist. Doch muss man dann gleich hinzufügen, dass die Accusativform des Relative que (aus quem) im Neufranzö. sischen niemals mit einer Präposition steht.“ Borel in seiner Grammaire française $ 120, 11, sagt: „La plupart des prépositions sont immédiatement suivies de leur régime, qui, pris isolément, offre la forme d'un régime direct, mais qui, avec la préposition, remplit la fonction d'un régime indirect;“ und dann in der Anmerkung: „Ti est très-remarquable, que dans le pronom relatif c'est la forme du sujet qui, et non la forme du régime direct que, qui figure avec la préposition.“ Und so liesse sich die Zahl der von den für die Schule schreibenden Grammatikern aufgestellten Ansichten über dieses qui leicht vermehren; möge es genügen, in den angeführten die Hauptrichtungen angedeutet zu haben.

Von den bistorischen Grammatikern unterscheidet Diez (Grammatik der romanischen Sprache, II, 104) einen Accusativ que und einen präpositionalen Casus qui (vgl. in, 352); Mätzner (Französische Grammatik mit besonderer Berücksichtigung des Lateinischen, S. gibt als Accusativ des Relativs an: que; qui mit Präpositionen, glaubt also auch, dass die französischen Präpositionen den Accusativ regieren.

Sollte sich die Sache nun nicht folgendermassen verhalten.

Man unterscheidet bei allen andern Arten des französischen Pronomens zwischen conjoints und absolus; warum nicht auch beim Relativ? Allerdings muss sich, dem ganzen Wesen des Relativs entsprechend, ein solcher Unterschied bei dieser Pronominalgattung im Französischen darauf beschränken, dass das absolute Relativpronomen seine absolute Kraft nur dann zeigen kann, wenn es in Verbin,lung mit Präpositionen steht. Gerade wie bei dem absoluten Personalpronomen gelehrt werden muss, dass man dasselbe nur braucht 1) in Antworten und Vergleichungen, wo das Pronomen ohne Zeitwort steht; 2) nach c’est, ce sont; 3) wenn auf das persönliche Fürwort entweder seul, même, eine Ordnungszahl, eine Apposition oder ein relatives Fürwort folgt; 4) nach Präpositionen: so liegt es in der Natur der Sache, dass für den Gebrauch des absoluten Relativ pronomens nur der vierte Fall übrig bleibt. *), Dem „praepositionalen Casus“, den Diez annimmt, würde man dann also nur einen angemesseneren Namen (absolutes Relativpronomen) geben; denn wollte man einen „präpositionalen Casus“ für das Relativpronomen annehmen, so müsste man am Ende dasselbe für das Personalpronomen thun (moi wäre dann der präpositionale Casus für me, toi für te u. $. w).

Leider fehlt es uns noch immer an einer wirklich brauchbaren Schulgrammatik, die für das Französische etwa dasselbe leistete, was Curtius für das Griechische gethan hat. Wenn ich auch nicht der Ansicht bin, dass eine solche, auf wissenschaftlichen Grundsätzen basirte Grammatik bereits bei dem Elementarunterrichte im Französischen zu Grunde gelegt werden müsse -- Manches aus derselben dürfte sich jedoch auch hier schon besser verwert hen lassen, als man gewöhnlich thut so halte ich doch dafür, dass wenigstens der Unterricht in der Primą, und nicht bloss des Gymnasiums, sondern auch der Realschule, ein Eingehen auf die historische Grammatik nicht abweisen darf, dass er vielmehr den Forschungen der Wissenschaft Rechenschaft tragen muss. Natürlich kommt es auch hier darauf an, überall das richtige Mass zu treffen.

Für eine solche, in die Wissenschaft einleitende Schulgrammatik würden nun die bei unserm qui in Betracht kommenden Punkte etwa folgendermassen dargestellt werden können:

1. Die französischen Nomina sind zum grössten T'heile **) aus der Accusativform der entsprechenden lateinischen Nomina abgeleitet. Das französische Nomen ist darum aber kein Accusativ oder irgend ein anderer Casus, sondern eine abstracte Wortform. Die Casusverhältnisse werden theils durch die Stellung dieser Wortform im Satze (Nominativ und Accusativ), tbeils durch Präpositionen (Genitiv und Dativ) ausgedrückt. Nur bei den Pronoms personnels' und relatifs conjoints haben sich Reste wirklicher Casusflexion erhalten (me, te, se, lui, le, la etc. que).

2. Da die abstracte Wortform also an und für sich keinen Casus darstellt, kann auch keine französische Präposition einen Casus regieren. Es stebt vach jeder wirklichen Präposition eben nur eine abstracte Wortform, desshalb auch nie einer der noch erhaltenen wirklichen Casus (me, te etc. que).

3. Das Relativ ist, wie alle andern Pronominalgattungen, entweder conjoint oder absolu. Die Pronoms relatifs conjoints qui (Masculinum und Femininum) und que (Neutrum) haben noch einen Rest alter Casusfexion, nämlich den Accusativ que (Masculinum, Femininum und Neutrum', der aber, nach der unter 2 gegebenen Regel, nie nach einer Präposition stehen kann, Die Präpositionen verbinden sich nur mit der abstracten Wortfornı der Pio.

*) Im Altfranzösischen findet sich indess auch qui für den Accusativ que, aber ebenso selten, wie que für den Nominativ qui.

**) Der Zusatz „zum grössten Theile“ ist nöthig wegen genre — traitre, maire, moindre u. 8. w.

poms relatifs absolus , qui und quoi (aus dem Accusativ des conjoint que gebildet, wie moi aus me), worauf sich, der Natur des Relativs entsprechend, der Gebrauch der Pronoms relatifs absolus dann auch beschränkt. Krotoschin.

Franz Schwalbach.

Der Nachlass Mazzuchelli's. Im Anfange dieses Jahres ist in die päpstliche Bibliothek des Vaticans eine etwa dreissig Bände umfassende Sammlung von Manuscripten gekommen, welche für die Geschichte der italienischen Literatur wichtig ist. Unter den Italienern, welche sich mit Erforschung ihrer vaterländischen Literatur beschäftigten, nimmt im vorigen Jahrhundert eine der ersten Stellen ein der Brescianer Graf Giammaria Mazzuchelli (geb. 28. October 1707, gest. 19. November 1765), ein reichbegabter, fleissiger Gelehrter, welcher sich ebenso sehr durch die von ihm veröffentlichten Schriften, als durch den anregenden Einfluss, den er auf Andere in und ausserhalb seiner Vaterstadt auszuüben verstand, grosse Verdienste erwarb. Der persönliche literarische Einfluss auf seine Umgebung gipfelte in der von ihm in Brescia gegründeten Conversazione Letteraria, einer Art literarischen Kränzchens, dessen Mitglieder sich vom 18. April 1738 an, freilich mit grossen Unterbrechungen, bis 1762 wöchentlich einmal in seinem Hause versammelten. Giambatista Scurella nennt dies in seiner Vorrede zum-3. Band der „Physica General.“ nicht mit Unrecht ,ueluti omnium literarum et literatorum domicilium.“ Seine zahlreichen kleineren Schriften sind mit geringen Ausnahmen Vorstudien zu seinem grossartig angelegten Hauptwerke, vor dessen Vollendung ihn der Tod ereilte. Sie sind mit Hinzufügung der wünschenswerthen literarischen Notizen in der bald nach seinem Tode pseudonym erschienenen Biographie aufgezählt, welche den Titel führt: Vita costumi e scritti del Conte Giammaria Mazzuchelli Patrizio Bresciano, in Brescia MDCCLXVI. Der am Sebluss der Widmung an den Venezianer Grafen Giannandrea Giovanelli genannte Verfasser „Nigrelio Accademico Agiato“ ist Gio. Batta. Rodella, wel. cher als Akademiker jenen fingirten Namen annabm. Die Biographie zeugt nicht von grossem. Talent des Autors, doch sind die Lebensnachrichten genau und zuverlässig zusammengestellt, freilich nicht ohne widerliche und inbaltsleere Lobhudelei, wie sie damals Unsitte war. Jedenfalls liest dieser Versuch sich noch besser, als die servil geschriebene Biograpbie der Gemablin Mazzuchelli's von dem Geistlichen Guadagnini, welche in demselben Jahre in gleichem Verlage unter dem Titel erschien: „Orazione in lode della Signora Barbara Chizzola moglie del Conte Giammaria Mazzucbelli Patrizio Bresciano composta dal Signor D. Giambatista Guadagnini Arciprete di Civitade e indivizzata a Nigrelio Accademico Agiato.“ Die Uebersicht der gedruckten (§. 86 bis 112) und handschrifltlich (s. 112 bis 115) erhaltenen Werke Mazuchelli's findet sich im Anhange des Rodella’schen Buchs. Die sechs veröffentlichten Bände seines, besonders durch Anregung des Canonicus Paolo Gagliardi unternommenen Hauptwerks, betitelt: Gli Scrittori d'Italia, cioè Notizie Storiche e Critiche inturno alle Vite ed agli Scritti de' Letterati Italiani del C. G. Mazzuchelli Bresciano; fol. Brescia 1753 fgg., umfassen nur die Schriftsteller, welche mit den Buchstaben A und B beginnen. Ihr Werth für die italienische Literaturgeschichte ist allgemein bekannt

. Die handschriftlich hinterlassenen Vorarbeiten Mazuchelli's erstreckten sich natürlich gleichzeitig auch auf die übrigen Autoren; einigermassen druckfertig ausgearbeitet sind sie nur für die Buchstaben C und D und einen Theil von E, für die andern Lettern des Alphabets aber sind besonders schätzenswerthe Nachweise über die Quellen vorhanden, woraus die Nach

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