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Inhalt.

Was den innern Werth der Posse betrifft, so steht sie zwar dem Maistre Pathelin und auch dem Nouveau Pathelin viel nach; dennoch aher ist das Urtheil Le Roy's, der selbige (da er darin eine Verhöhnung der letzten Oelung etc. wittert) in seinen études sur les mystères, p. 392, une pitoyable pièce nennt, vollständig ungerechtfertigt.

In dem Stücke treten vier Personen auf: der altersschwache, kranke Pathelin, seine Ehefrau Guillemette, ein Priester, Messire Jehan Langelé, und der Apother-Arzt Aliborum.

Die beiden Verse, mit denen Pathelin das Stück einleitet, und die Vers 6 und 7 wiederholt werden, sind jedenfalls der Refrain eines damals bekannten Liedes :

Qui riens n'a plus que sa cornette,

Gueres ne vault le remenant. Pathelin fordert seine Frau auf, ihm seinen Actensack (le sac à mes causes perdues, wie er selbigen, sich selbst verspottend, nennt), und seine Brille zu holen, da er sich zur Sitzung begeben will. Mit seinen Kräften ist auch sein Gedächtniss geschwunden; er weiss nicht mehr, wo er jene Sachen am verflossenen Tage hingelegt, und muss auch den Vorwurf seiner Frau hinnehmen, dass er es trotz aller Advocatenschliche zu Nichts habe bringen können. Aengstlich, die Stunde der Sitzung nicht zu versäumen, gönnt er sich nicht einmal die Zeit, den gewohnten Frühschluck zu nehmen. Eine auffallende Erscheinung, denn Guillemette fragt erstaunt :

Pourquoy n'estes-vous pas asseur?
Vous doubtez-vous d'aucune chose,

Maistre Pierre ? Der alte Advocat fühlt sich sehr hinfällig und schwach, doch bei dem günstigen Wetter möchte er von der Sitzung nicht fernbleiben. So sehen wir ihn denn, gestützt auf seinen Knotenstock, langsam das Haus verlassen. Unterwegs überlegt er die bevorstehende Verhandlung, und sein alterschwacher Geist verwechselt hierbei mehrfach die vorliegenden Fälle. – Plötzlich jedoch zwingt ihn ein heftiger Anfall seiner Krankheit nach Hause zurückzukehren. Erschöpft und unfähig sich aufrecht zu halten, langt er hier zum grossen Schrecken seiner Frau wieder an. Die Ursache dieses plötzlichen Unfalls ist ihr unerklär

lich; in ihrer Bestürzung weiss sie keinen andern Rath, als den Apotheker zu rufen:

Pour vous donnez quelque remède,

Feray-je venir l'Apothécaire ?
Doch Pathelin will es erst mit Hausmitteln versuchen :

Baillez donc premier à boire,
Et mettez cuire une poire,

Pour sçavoir s'il m'amendera. Allein das Uebel nimmt zu, so dass Pathel in selbst sich nach dem Apotheker und Priester sehnt, und seine Frau zur Eile antreibt. Sein liebstes Hausmittel scheint jedoch der Wein zu sein, denn trotz Schwäche und Krankheit bleibt sein Verlangen danach ungeschwächt:

Que j'oye une fois de bon vin ?

Ou mourir il me conviendra! Aber es muss quelque bon vin vieulx sein und kein vin nouveau, „car il faict avoir la va-tost.“ Während er über den ihm gebrachten Wein flucht:

Sang bien! On m'a le vin meslé

Ou il faut dire qu'il s'esvente .. eilt seine Frau zum Apotheker, klagt ihm ihre Noth, und erlangt endlich durch ihre Bitte :

Je vous pry qu'on y remedie

Sans espargner or, ne argent, von diesem das Versprechen:

Pas n'ay peur de vostre payement

Je feray pour vous le possible. Nun eilt sie zum Pfarrer, und findet auch diesen bereit, sie zum Kranken zu begleiten.

Indessen ist der Apotheker bei dem schwererkrankten Pathelin angelangt, der, als endlich Guillemette mit dem Pfarrer erscheint, in Fieberphantasien liegt, und in dem letzteren einen Zechbruder zu sehen glaubt. Auch dem Apotheker gelingt es nicht, den Irrredenden zur Annahme eines Arzneimittels zu bewegen. Guillemette ermahnt ihren Mann, an die Beichte zu denken und sein Testament zu machen Ainsy doibt faire tout chrestien. Auf die Aufforderung des Priesters, die begangenen Sünden zu bekennen, erwiedert der Schalk:

Je les ay pieca laissez

A ceulx qui n'en avoyent point. Erst einer wiederholten Aufforderung des Priesters gelingt es, ihm die nöthige Sammlung für die heilige Handlung einzuflösen. Doch bald

und muss,

verfällt Pathelin wieder in seine Fieberphantasien und antwortet das tollste Zeug auf des Priesters fromme Mahnungen.

Endlich kommt die Beichte zu Stande. Er erzählt nun, wie er den Tuchhändler um sechs Ellen Tuch geprellt,

zwar mit Widerstreben, angeben, wie auch er in der Folge von dem Schäfer überlistet worden.

Trompeurs sont voulentiers trompez,

Soit tost ou tard, au loing ou près, erwiedert der Priester, und fordert zur Fortsetzung der Beichte auf. Er stellt an den Kranken die Frage, ob er auch Werke der christlichen Liebe gethan, und die Nackten bekleidet habe.

Faulte de monnoye et d'escus

M'en a gardé; et m'en confesse antwortet Pathelin..

Der Priester ertheilt nun die Absolution und kündigt an, dass der Kranke bereit sei, sein Testament zu machen.

C'est très-bien dit, messire Jehan.
Mais, devant que rien en commence,
J'arrouseray ma consience.

Guillemette, donnez-moy à boire, etc. erwiedert der unverbesserliche Advocat, und dictirt dann dem Pfarrer sein Testament wie folgt:

Tout premier à vous, Guillemette,
Qui sçavez où sont mes escus
Dedans la petite layette:
Vous les aurez, s'ilz y sont plus.
Après, tous vrays gaudisseurs,
Bas percez, gallans sans soucy,
Je leur laisse les rostisseurs,
Les bonnes tavernes aussi.
Aux quatre convens aussi
Cordeliers, Carmes, Augustins,
Jacopins, soient hors, ou soient ens,
Je leur laisse tous bons lapins.
Item: je donne aux Fillés-Dieu,
A Sainct Amant, et aux Beguines,
Et à toutes nonnains, le jeu
Qui se faict à force d'eschines.
Item: je laisse à tous sergens,
Qui ne cessent, jour et sepmaine
De prendre et de tromper les gens,
Chascun une fievre quartaine.
A tous chopineurs et yvrognes,
Noter vueil que je leur laisse

Toutes goutes, crampes et rongnes,
Au poing, au costé, à la fesse.
Et à l'Hostel-Dieu de Rouen
Laisse et donne, de franc vouloir.
Ma robbe grise que j'eus ouen,
Et mon meschant chapperon noir.
Après, à vous, mon conseiller,
Messire Jehan, sans truffe ou sornette
Je vous laisse, pour faire oreiller,
Les deux fesses de Guillemette
Ma femme

(Cela est honneste !)
Et à vous, maistre Aliborum,
D'oignement plain une boiste,
Voire du pur diaculum
Pour exposer supra culum
De ces fillettes

Sans plus dire,
Chascun entend cette raison :
Il n'est jà soin de l'escripre,

C'est tout, messire Jehan.
Er hat seinen letzten Willen verfügt, und fühlt nun das Nahen des
Todes. Die Frage seiner Frau, wo er beerdigt zu sein wünsche, scheint
er nicht zu vernehmen:

N'a-il plus rien au pot carré

A boire, avant que trespasser.
Erst die tadelnde Bemerkung Guillemette's:

Deussiez-vous en ce point farcer

Qui estes si près de la mort? und eine nochmalige Mahnung des Priesters vermögen ihn zu folgender Antwort zu bewegen:

En une cave, à l'adventure
Dessoubz ung muid de vin de Beaulne
Puis, faictes faire en lettre jaulne
Dessus moy, en beau pathelin
Cy repose et gist Pathelin,
En son temps advocat sous l'orme,
Conseiller de monsieur de Corne
Et de demoiselle sa femme
Priez Dieu que il ait son ame!

Vous sçaurez bien tout cela faire ? Von einem grossen Leichengepränge will er Nichts wissen ; für Wachslichte bei der Beerdigung bestimmt er nur vier Heller; doch soll man sein Wappen malen lassen, dessen Skizze er folgendermassen entwirft:

Oyez que vous y ferez faire,
Pour ce qu'ayme la fleur du vin,
Trois belles grappes de raisin,

En un champ dor, senié d'azur.
Je vous pry que j'en soye seur?

Autre chose ne requiers plus. Bierauf giebt er seinen Geist auf. Die Klagen seiner Frau und das Gebet des Priesters : Que Dieu luy soit misericors beschliessen das Stück.

Diese so tragisch endende Posse hat freilich wenig Handlung, und ermangelt jeglicher Intrigue; dennoch ist die Characteristik der vier Personen, besonders die Pathelin's, wohl durchgefübrt.

Nicht nur die Farce maistre Pathelin ist die Veranlassung und Grundlage vorliegender Posse, auch die beiden Testamente Villon's haben, wie leicht ersichtlich, dem Dichter manchen Gedanken zu dem Testamente, vielleicht die Idee selbst, geliefert; wie sie ja eine ganze Rejhe Testament betitelte Dichtungen hervorgerufen haben. (Le grand Testament de Tastevin, Roy des Pions. Le Testament de Jehan Ragot. Le Testament de Martin Leuther, etc.)

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Versification. Das Gedicht besteht aus 559 achtsilbigen Versen. Es ist klar, dass wir diese nicht mit dem Gesetzbuch der heutigen französischen Versification beurtheilen können, denn im Ganzen war der Dichter noch durch wenig Regeln gebunden. Das Verbot des Hiatus bestand für ihn noch nicht; ja es zeigt sich auch nicht einmal vereinzelt (wie im Noureau Pathelin) das Streben, ihn zu vermeiden. Die Elision liess er eintreten, oder nicht, wie es ihm passte.

Donnez moi à boire un horion, 225.
Aux douze articles de la foy, 380.
En me cave à l'adventure, 510.
Ceste reigle est à tous due, 159.
Pain fleury, ou tourte en pesle, 345, etc.

Dass ferper zu einer Zeit des Werdens für die Sprache, in der das gesprochene Wort oft im grellsten Widerspruch zur Orthographie stand, die Silbenzahl vieler Vocalverbindungen noch nicht sicher fixirt ist, ist klar..

So stand es im Belieben des Dichters, die nicht gesprochene Silbe zu zählen oder nicht mitzurechnen.

Wir finden daher Guillemette (24) 3silbig und (529) Asilbig.
Hau Guillemette. Comment il bâille, 24.

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