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begannen sich dieselben zu drehen, so dass alle in das Wasser stürzten. Da es kalt war, wurde die durchtränkte Kleidung bald so steif, dass sie, wie in einem Gehäuse steckend, ihre Glieder kaum bewegen, umso weniger schwimmen konnten; einige von ihnen wären auch sicher ertrunken, wenn sie nicht mühsam mit Stricken ans Ufer gezogen worden wären.

Durch die Worte des Kaisers ermuntert, stieg ich vom Pferde, entkleidete mich und sprang in den Teich. Da ich an diesem Tage schon viel geritten war, war ich erhißt, so dass die Kälte init mir schüttelte; aber jung und stark war ich ja und so schwamm ich, angeeifert durch die Gegenwart des Kaisers, mit Ausdauer zum russischen Soldaten hin. Mein Beispiel, wohl noch mehr das Lob aus dem Munde des Kaisers, bewog den Artillerie-Oberlieutenant Rumesten, mir zu folgen. Ich begegnete viel größeren Schwierigkeiten, als ich voraussehen konnte. Infolge der Katastrophe (?) vom vorhergehenden Tage war das alte, starke Eis an diesen Stellen verschwunden und es hatte sich neues Eis, nur einige Linien stark gebildet, dessen scharfe Kanten meine Haut an den Armen, an der Brust und im Nacken schmerzlich rikten. Der Artillerie-Oberlieutenant hatte nicht mehr so viel zu leiden, als ich, da er in der Richtung, die ich im frischen Eise gebahnt hatte, schwamm. Als er mich aber erreicht hatte, ersuchte er mich, ihn vorzulassen; ich willfahrte diesem Ansuchen gerne, da ich schon ganz zerschunden war. Endlich erreichten wir die Scholle, auf welcher der arme Russe lag. Wir schoben nun die Scholle gegen das Ufer und waren beinahe entkräftet, als dieselbe in der Nähe des Ufers in mehrere Stücke barst; das Stück, auf dem der Russe liegen blieb, hatte nur eine Fläche von einigen Fuß Breite und besaß nicht mehr die Tragfähigkeit, den Verwundeten über Wasser zu halten, so dass derselbe zu finken begann. Da fühlten wir den Grund des Teiches unter unseren Füßen; rasch hoben wir die Scholle auf unsere Schultern und trugen sie zum

Ufer hin. Von da aus warf man uns Stricke entgegen. Wir banden nun den Russen an die Stricke, worauf er auf den Damm heraufgezogen wurde. In ähnlicher Weise gelangten auch wir aus dem Wasser, denn wir waren entkräftet, zerschunden und mit Blut bedeckt, ja wir konnten uns kaum mehr auf den Füßen erhalten.

Mein guter Freund Massy, der mir während dieses Rettungswerkes mit der größten Besorgnis gefolgt war, hatte einen ausgezeichneten Einfall. Er ließ eine Pferdekoße vor dem Feuer ausbreiten; als ich ans Ufer gelangte, wickelte er mich in dieselbe ein. Nachdem ich mich gut abgetrocknet und wieder angekleidet hatte, wollte ich mich auf die Erde niederlegen; allein der kaiserliche Leibarzt Larrey ließ es nicht zu und befahl mir, herumzugehen, was mir jedoch nur unter Beihilfe von zwei Soldaten möglich war. Der Kaiser trat zu mir und beglückwünschte mich und den Oberlieutenant Rumesten zu dem Muthe, den wir bei der Rettung des Russen bewiesen hatten. Dann rief er seinen Mameluken Rustan), dessen Pferd vielerlei Vorräthe zu tragen pflegte, ließ uns vorzüglichen Rum einschänken und fragte schmunzelnd, wie uns das Bad gefallen habe.

Dann ließ Napoleon den russischen Unterofficier durch seinen Leibarzt verbinden und ihm einige Goldgulden auszahlen. Nachdem man den Soldaten mit Speisen erfrischt und ihm trockene warme Kleider an= gezogen hatte, ließ man ihn zunächst in die Ambulanz nach Telniß und am folgenden Tag in ein Spital nach Brünn überführen. Der Arme segnete den Kaiser, mich und Rumesten, indem er uns die Hände füssen wollte. Dieser Unterofficier stammte aus Litauen. Als er geheilt war, erklärte er, dass er keinem Anderen dienen werde, als dem Kaiser Napoleon. Er schloss sich unseren Verwundeten an, als diese nach Frankreich zurückkehrten, und wurde hernach in die polnische Legion eingereiht;

1) Dieser treue Diener pflegte nachts vor der Thüre des Schlafzimmers Napoleons zu liegen.

später wurde er Unterofficier der Lanzier-Garde und dankte mir, so oft er mich begegnete, in seinem polnischfranzösischen Kauderwälsch.

Das eisigkalte Bað und die thatsächlich übermenschliche Anstrengung, mit der ich den Russen gerettet hatte, hätte mich beinahe das Leben gekostet, wenn ich weniger stark und gesund gewesen wäre. Dagegen wurde Kumesten noch am Abende desselben Tages von einer überaus heftigen Lungenentzündung befallen und musste in ein Spital nach Brünn transportiert werden, wo er einige Monate lange zwischen Leben und Tod schwebte. Er erlangte seine volle Gesundheit nicht mehr und musste deshalb nach einigen Jahren wegen anhaltender Kränklichkeit den Dienst aufgeben. Obwohl ich sehr entkräftet war, ließ ich mich doch auf das Pferd seßen, als der Kaiser von den Teichen nach Austerlik ritt, woselbst sich sein Hauptquartier befand. Napoleon, als schneidiger Reiter bekannt, pflegte im Galopp zu reiten; für meinen Zustand war diese Art des Reitens weniger entsprechend, aber dessen ungeachtet ritt ich ihm nach, denn es nahte die Nacht. Als ich in Austerlitz angelangt war, mussten mich einige Mann vom Pferde heben. Der Frost schüttelte mich, meine Zähne klapperten, ich war bedenklich erkrankt. Oberst Dahlmann, Commandant der berittenen Jägergarde, der an Stelle des gefallenen Generals Morland eben zum General befördert worden war, führte mich in die herrschaftliche Scheuer, wo er sich mit seinen Officieren einquartiert hatte. .

Dort reichte er mir heißen Thee, ein Oberarzt rieb meinen ganzen Körper mit warmem Öl ein; dann wurde ich in mehrere Roßen eingehüllt und in einen Heuhaufen gesteckt, so dass nur mein Kopf hervorschaute.

Bald durchströmte eine angenehme Wärme meine erstarrten Glieder. Ich schlief vorzüglich und erwachte, dank der ärztlichen Sorgfalt und meiner Jugend (ich war erst 23 Jahre alt), morgens frisch und lebensfroh, so dass ich ohne Beihilfe das Pferd besteigen konnte."

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Am 3. December bezog Napoleon das prächtige, fast fönigliche Schloss des Grafen von Kauniß in Austerlig. Das Bett, auf welchem Napoleon schlief, stand ursprünglich in der Nische eines anderen Zimmers. Reisende Franzosen pflegen einzelne Seidenfäden vom Bettüberzuge herauszuzupfen, um ein Andenken an ihren Napoleon zu besiken. In dem Schlosse befindet sich auch ein gelungenes, lebensgroßes Bild Napoleons.

Napoleon nannte die Schlacht vom 2. December die Schlacht von Austerliß, weil er im Austerlißer Schlosse seine Residenz aufgeschlagen hatte, die Soldaten aber nannten sie „die Drei-Raiser-Schlacht.“

Die verbündete Armee hatte, wenngleich sie tapfer gefämpft hatte, eine vollständige Nieders lage erlitten.

Der Verlust der Österreicher an Gefallenen, Verwundeten, Vermissten und Gefangenen belief sich auf 5922 Mann, während die Russen 24.000 Mann, darunter 15.000 Gefangene, verloren. Zwei Drittheile der Artillerie waren vernichtet. Im ganzen verloren die Verbündeten an 30.000 Mann, darunter 9 Generale und 273 Officiere; außerdem 186 Geschüße, an 400 Munitionswagen, den größeren Theil an Proviant und Gepäck und außerdem 50 Fahnen.

Auch die Verluste der Franzosen waren bedeutend, obwohl sie selbst den Verlust nur auf 9000 Mann, darunter 9 Generale, schäßen. Es fielen also auf dem Schlachtfelde von Austerliß bei 10.000 Mann, Officiere und einfache Soldaten, Österreicher, Ruffen und Franzosen! Was Marengo für das Consulat war, war der Sieg von Austerliß für das Kaiserreich Napoleons.

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