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In den Gassen Brünns wurde es am Tage der Schlacht von Stunde zu Stunde lebendiger, Wehklagen und Schrecken erfüllte die Stadt. Vom Schlachtfelde, das einen grauenhaften, unbeschreiblichen Anblick darbot, sah man auf der ganzen Länge der Straße einen einzigen Zug Gefangener und Verwundeter. Die gefangenen Russen, zumeist verwundet, wurden auf dem Spielberge, in der Dominicaner-, Jesuiten- und Domkirche, sowie in den Schulen untergebracht. Als der Spielberg überfüllt war, lagerten die übrigen Gefangenen in den tiefen Stadtgräben; in diesen loderten bei Nacht mächtige Feuer, an denen sich die Gefangenen wärmten. Die erbeuteten russischen Kanonen standen in Reihen am Großen Plaße. Alle Spitäler, Plöster und Fabriken waren mit Verwundeten, zumeist Franzosen, überfüllt ; im Obrowißer Spitale allein lagen 1500 Verwundete Franzosen. Die bedauernswerten russischen Gefangenen ließen aus den Fenstern ihre Helme und Müßen an Stricken hinab, um mit erbettelten Speisen ihr Leben zu fristen. Theilnahmsvolle Brünner schütteten Suppe in die Helme und füllten die Müßen mit Brod und Obst. Alle Stände wetteiferten in der Pflege der Verwundeten und Kranken und gar viele wurden ein Opfer ihrer edlen, menschenfreundlichen Thätigkeit. Der Todesengel hielt reiche Ernte!

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Besonders sei einiger Minoriten gedacht, die infolge des aufreibenden Krankendienstes starben. Die Sterblichkeit nahm von Tag zu Tag zu. Fast schien es, dass eine Seuche, verbunden mit Hungersnoth, ausbrechen werde. Es nahte das Weihnachtsfest, sonst so lieblich und traut, diesmal aber unsäglich traurig, wie Brünn es bisher noch nie erlebt hatte. No ch am 21. December lagen auf dem Schlachtfelde an 100 Soldatenleichen und mehrere Hunderte todter Pferde!

Vier Russen, in der Schlacht an den Füßen verstümmelt, hatten sich in diesem bemitleidenswerten Zustande von Sokolniß bis Turas geschleppt. Es musste ein Leidensweg gewesen sein, den die Armen zurückgelegt hatten, und doch wollten sie um jeden Preis nach Brünn gelangen, da das lend außerhalb Brünns noch größer und ärztliche Hilfe noch seltener war als in Brünn. Selbst den französischen Soldaten, die nach der Schlacht die Besaßung Brünns bildeten, begann beim Anblicke der fürchterlichen Verluste in ihren Reihen und der Arüppel und Kranken der Muth zu sinfen. Die ununterbrochenen Märsche waren aber auch nicht dazu angethan, ihren Muth zu heben.

Einige verwundete russische und österreichische Soldaten standen am Arautmarkte, umgeben von Bürgern, welche mit den schwer Verwundeten herzliches Mitleid hatten. Ein französischer Soldat trat zu dieser Gruppe und sprach: ,,Betrachtet diese armen Leute, betrachtet ihre blutüberonnenen, entstellten Gesichter, — es sind wahrhafte Martyrer!" Mit einem wilden Fluch auf den Lippen schlug der Franzose sein Gewehr um die Erde und rief zornig aus: „An all dem Elende sind die Engländer ich uld!" Nach der Schlacht stehen sich Freund und Feind zumeist als versöhnte Brüder gegenüber, aber das Gegentheil ist nicht ausgeschlossen.

In einem Brünner Spitale lagen in langen Reihen an der einen Seite Franzosen, an der anderen Russen. Durch den halbdunkel gehaltenen Raum schritt ein Arankenwärter leise dahin, – einige schwer Verwundete waren eben gestorben. Sie waren schwer gestorben, denn sie waren ja noch so jung und standen in der schönsten Blüte ihres Lebens. Besonders schwer war der Todeskampf eines jungen, bildschönen russischen Soldaten, dessen Muth zahlreiche Wunden bezeugten. Sein Todesröcheln regte einen älteren Soldaten, der neben ihm lag, fürchterlich auf. Vielleicht waren beide Landsleute, wenn nicht gar Verwandte. Diefer Schmerz sprach aus seinen Sesichtszügen, wenn er auf das Seufzen des Sterbenden horchte. Endlich hatte der jugendliche Soldat ausgerungen. Plößlich änderte sich der Gesichtsausdruck des älteren Soldaten, seine Augen fiengen an unheimlich zu glänzen. Da er nur an den Händen verwundet war, raffte er sich auf und betrachtete einige Zeit seine Umgebung; dann aber stürzte er sich wie wüthend auf einen Franzosen und biss ihn in die Schulterii, als ob er den Tod seines treuen Kameraden hätte rächen wollen. Der Militärarzt, ein älterer Mann, wurde rasch herbeigerufen und versicherte, noch nie etwas Ähnliches erlebt zu haben.

Die Beerdigung der Todten bot keine großen Schwierigkeiten, da die Leichen in Schachtgräbern bestattet wurden. Auch im Augarten war ein Spital errichtet worden. Die Soldaten, welche in diesem Spitale starben, wurden in Massengräbern beerdigt, die ungefähr dort liegen, wo sich der Ausgang aus dem Augarten in die „Schwarzen Felder“ befindet.

Die Zahl der Verwundeten, die in der Stadt gepflegt wurden, war so groß, dass sich der Brünner Magistrat genöthigt sah, die Verwaltung der Herrschaft Chirlik in einer besonderen Zuschrift vom 6. December 1805 zu bitten, keine Verwundeten mehr nach Brünn überführen zu lassen, weil daselbst alles überfüllt sei und der Magistrat gezwungen wäre, die Verwundeten auf Kosten der Gutsherrschaft zurückbefördern zu lassen.

Einige mährische Städte, wie Iglau, Wal. Meseritsch u. s. w. sandten für die Verwundeten und Kranken besondere Liebesgaben.

Am 6. December starb, wie bereits erwähnt, der französische General Valhubert in Brünn. Österreichische gefangen genommene Soldaten vom Infanterie-Regimente Erzherzog Ludwig hatten den schwer verwundeten General auf einer Bahre vom Schlachtfelde nach Brünn getragen. Am Großen Plaße trat ein französischer Grenadier zur Tragbahre und stammelte mit einem schmerzlichen Aufschrei die Worte: „Mein General, Sie sind verwundet?" Schweigend reichte der General dein Grenadier von der Bahre aus die Hand. Valhubert starb im Hause des Ritters v. Chlumecky in der jeßigen Rudolfsgasse.

Das feierliche Leichenbegängnis fand am 8. December vormittags von der St. Jakobskirche aus statt und musste aus diesem Anlasse der sonstige Gottesdienst entfallen, obwohl es Sonntag war. Die französischen Officiere und Wachen benahmen sich bei dieser Gelegenheit recht unanständig. Während der Leichenfeier giengen sie bedeckten Hauptes in der Kirche herum wie in einem Wirtshause. Beim Grabe wurden keine Salven abgefeuert, sondern die Soldaten, welche in zwei Reihen marschierten, schossen einzeln nach einander in das Grab, das sich am aufgelassenen städtischen Friedhofe nahe beim Denkmale des Brünner Bischofs Wenzel R. v. Stuffler befindet.

Dem Berichte einer sonst ernst gehaltenen Handschrift im Brünner Franzens-Museum, dass manche verwundete Russen von den Franzosen lebendig auf dem Schlachtfelde beerdigt worden seien, – können wir keinen Glauben beim effen.

Am 2. December abends' brachten die Franzosen einen gefangenen russischen Gardeofficier nach Brünn, dessen Schicksal die Brünner nicht wenig interessierte. Im hißigen Kampfe mit der französischen Garde unter General Rapp hatte derselbe einen französischen

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Stabsofficier erblickt und denselben wegen der vielen Abzeichen für Bonaparte gehalten. Er war mit der größten Wuth auf ihn losgestürzt und hatte ihn an der Kehle gepackt ; vergeblich bemühte sich der Franzose, sich den Händen seines Gegners zu entwinden, bis er zu den Füßen des Russen endlich seinen Geist aushauchte. Nun aber wurde der russische Gardeofficier, entkräftet und vielfach verwundet, von Franzosen entwaffnet und gefangen genommen.

Als er nach Brünn gebracht wurde, verrieth sein ganzes Benehmen, dass er freudig gestimmt sei. Wohl blutete er aus vielen Wunden und war sein Angesicht leichenblass, aber das Bewusstsein, Napoleon erwürgt zu haben, hielt ihn aufrecht und verlieh ihm Kraft. Während des Weges jauchzte er laut, grüßte alle, die an ihm vorübergiengen, freundlich und rief ununterbrochen: „Buonaparte, Buonaparte!"

Im Spitale wurde er belehrt, dass er nicht Napoleon erwürgt habe. In demselben Augenblicke verließen den Gardeofficier die leßten Kräfte, sein Geist umnachtete sich; ob der Arme, der einige Tage regungslos dalag, mit dein Leben davon gekommen ist, ist unbekannt.

Viele russische Gardisten, die überhaupt mit fürchterlicher Erbitterung gekämpft hatten, zogen den freiwilligen Tod der Gefangennahme vor. Entwaffnet schlugen sie noch mit den Fäusten auf ihre Feinde ein, um sie zu reizen und von ihnen den Todesstoß zu empfangen.

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