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,,Herr Hauptmann“, begann Schulmeister, ,, es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, Sie kennen zu lernen, da ich ja Gelegenheit haben werde, häufig mit Ihnen zu verkehren. Ich bitte jedoch zu erwägen, dass ich kein gewöhnlicher Spion bin, sondern Officier der französischen Arinee war. Als solchem ist es mir nun sehr wohl bekannt, dass es Mittheilungen gibt, welche nur die höchste Person, entweder der Monarch oder dessen Oberbefehlshaber erfahren darf. Ob Se. Excellenz Baron Mack das, was er von mir erfahren wird, Ihnen mittheilen wird, ist seine Sache. Dagegen bin ich bereit, Ihnen, Herr Hauptmann, über meine Person genaue Auskunft zu geben.“

„Ich ersuche darum“, sprach Wend.

Schulmeister zog seine Legitimationspapiere hervor und zeigte sie dem Hauptmann.

„Sie wurden von Savary zu uns als Spion geschickt ?"

Zu dienen, Herr Hauptmann.“ „Und Sie wollen uns verrathen, was Sie wissen? „Nur Se. Excellenz dem Höchstcommandierenden."

„Und warum machen Sie sich dieses Verrathes an fhrem Kaiser schuldig ?"

„Aus Rache, weil ich auf einen bloßen Verdacht hin von ihm gequält und politisch verfolgt wurde. Neunzehn Monate hatte ich bereits im Kerker geschmachtet. Vor drei Tagen wurde ich dem Kaiser vorgeführt. Dieser versprach mir die Freiheit und reichliche Belohnung, wenn ich ihm aus Euerem Lager die Nachricht überbringe, ob Ihr den Rückzug nach Tirol oder die Vertheidigung Ulm's beabsichtiget. Um die Freiheit zu gewinnen, habe ich Alles versprochen und bin zu Euch gekommen, um Napoleon zu schaden.“ Hauptmann Wend meldete Schulmeister bei Baron Mack an und eine Viertelstunde später befand sich Schulmeister beim Armee-Commandanten.

Schulmeister hatte von Napoleon eine genaue Charakteristik nicht nur des Baron M a dk, sondern aller österreichischen Corps-Commandanten erhalten; Napoleon hatte diese charakteristischen Daten schon in Friedenszeiten durch seine Gesandten und Agenten sammeln lassen, um sie im Kriege zu verwerten.

„Es genügt nicht, die feindliche Armee zu kennen, man muss auch ihre Führer studiert haben“, lautete eine der Marimen Napoleons.

Schulmeister kannte daher die zahlreichen, schwachen Seiten Mack's und fasste ihn an der schwächsten Seite, der — Eitelkeit. Die Beredtsamkeit, die gewählte Sprache und die Fachkenntnisse Schulmeisters imponierten dem Baron und die Schmeicheleien betäubten ihn förmlich.

Mack war wie damals jeder Österreicher .. Preußenfeind. Auch diese Seite berührte Schulmeister und zwar um so kräftiger, da er als geborener Badenser die preuBische Regierung hasste.

Der Verkehr zwischen Mack und Schulmeister wurde immer vertraulicher, ja der Spion war Mack's täglicher Gast. Sogar dem Erzherzog Ferdinand und den übrigen Generalen empfahl Mack den Schulmeister als den ,, besten“ seiner Spione. Schulmeister hatte das vollste Vertrauen Mack's gewonnen; er wusste zu berichten, dass die Engländer bereits an der Küste Frankreichs gelandet wären, um sich mit der österreichischen Armee zu vereinigen, dass ganz Frankreich gegen den Corsen revoltiere und ein Theil der Armee Napoleons sich in wilder Flucht auflöse. Mack ließ sich Alles einreden und glaubte Alles.

: Allein Schulmeister konnte a uch die Wahrheit sprechen! Am 13. October rieth er in Gegenwart des Erzherzogs Ferdinand und der Feldmarschal-Lieutenants, des Fürsten Schwarzenberg und . Grafen Gyulay, ganz offen, entweder rasch aus Bayern zu weichen, oder sich Napoleon entschieden in offener

Feldschlacht entgegenzuwerfen, wenn er von diesem nicht eingeschlossen werden wolle. Vergebens ! Mack hatte sich in sein Vorurtheil, dass Napoleon sich zurückziehe, ganz eingelebt. Deshalb bestellte er Schulmeister zu sich und gab ihm Geld mit dem Auftrage, unverweilt nach Stuttgart zu reisen und von dort verlässliche Nachrichten zu überbringen.

Schulmeister nahm das Geld und reiste ab, ohne wiederzukehren.

Noch am 14. October abends suchte Erzherzog Ferdinand den Obercommandanten zu überzeugen, dass es keinen andern Ausweg gebe, als die Donau zu überschreiten und sich am linken Ufer durchzuschlagen – allein vergebens. In derselben Nacht brach der Erzherzog mit seiner Cavallerie-Abtheilung unter Schwarzenberg's Führung auf und schlug sich mit schweren Verlusten bis nach Böhmen durch, der leichtgläubige Mack aber verblieb unthätig in Ulm. Kein Wunder, dass zeitgenössische Schriftsteller den verblendeten Mack als unzurechnungsfähig, ja sogar als Verräther erklären.

Napoleon hatte also den Rückzug a ngetreten und der „unglückliche“ Mac ergab sich ihm am 17. October! Eine beschämendere Enttäusch ung konnte Mack nicht erleben.

Als die Franzosen am 13. November in Wien eingedrungen waren, wurde Schulmeister von Napoleon zum Polizeipräfecten von Wien ernannt. Später kehrte er, von Napoleon königlich beschenkt, nach Straß= burg zurück, wo er auf großem Fuße lebte. Allein sein Ende war ein trauriges. Nach einem materiell reichen, aber moralisch armen Leben starb Schulmeister in Noth und Elend, verachtet, verlassen und verrathen von Allen.

So endete.. der geschichtliche Spion Napoleons.

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Napoleon in Wien.

Nach dem Siege über Mack überschritt Napoleon den Inn, um so rasch als möglich in Österreich einzubringen, von wo die russisch-österreichische Avantgarde unter Führung des vorsichtigen Kutuzov, der eine Vereinigung mit dem Corps Mack’s gesucht hatte, vor Napoleon eilig den Rückzug nach Mähren angetreten hatte und zwar über Z naim und Bohrliß gegen Brünn und Wischau.

General Rutuzov, dessen Corps an 50.000 Mann (30.000 Russen und 20.000 Osterreicher) zählte, hatte die Festung Braunau am Inn verlassen und trat über die Traun und Enns gegen St. Pölten den Rückzug an, überschritt in der Nacht vom 8. auf den 9. November die Donau, brannte die Brücke hinter sich nieder und nahm bei Krems Stellung. Die österreichische Cavallerie unter Kienmayer, welche diesen Übergang gedeckt hatte, wich mit der Infanterie gegen Wien zurück, während Rutuzov sich am 14. November in der Richtung gegen Znaim in Bewegung seşte.

Während dieses Rückzuges der Vorhut Kutuzov's kam es zu zwei blutigen Gefechten.

Am 11. November war der französische Marschall Mortier in dem Engpasse von Dürrensteini) bei Krems am linken Donauufer von Kutuzov besiegt, eigentlich eingeschlossen worden.

Allein Mortier ergab sich nicht, sondern schlug fich mit seiner Division (Gazan), welche die Hälfte der Mannschaft verlor, durch und beugte so der Demoralisation, welche die ganze Armee ergriffen hätte, vor. Einige Officiere hatten ihm allerdings gerathen, wenigstens sich selbst auf einem Schiffe zu retten. Allein Mortier rief mit gezücktem Schwerte aus: „Von folchen tapferen Soldaten trennt man sich nicht! Mit ihnen werde ich mich entweder retten oder sterben!"

In dem Gefechte bei Dürrenstein, das bis in die Nacht hineindauerte, fiel nebst Anderen auch der vorzügliche österreichische General Schmidt. Sein Verlust war für die vereinigte österreichisch-russische Armee, wie wir erfahren werden, leider unerseblich. Später wurde dem tapferen Generalen bei Arems ein würdiges Denkmal geseßt.

Das zweite Gefecht fand am 16. November bei Hollabrunn statt. Fürst Bagration unterlag daselbst wohl dem Prinzen Murat, erreichte aber trokdem sein Ziel, denn er hatte die Aufmerksamkeit Murat's abgelenkt, den Rückzug des Corps unter Kutuzov nach Mähren gedeckt und so die gesammte russische Armee vor unausw eich lichem Verderben gerettet. Murat war nämlich auf der Znaim-Wiener Straße auf eine schwache Abtheilung der Truppen (etwa 6000 Mann) unter Führung des Fürsten Bagration gestoßen und meinte, dass er sich gegenüber die ganze Armee unter Commando Kutuzov's fehe. Um nun seine ganze Armee desto sicherer aufzureiben, suchte er Zeit zu gewinnen, bis alle Truppen, die ihm von Wien aus nachrückten,

1) Hier hielt der österreichische Herzog Leopold V. den englischen König Richard Löwenherz vom I. 1192—1193 gefangen.

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