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Der fühle Morgen des 2. Decembers brach an, an dem die große Drei-Raiser-Schlacht be i Austerliß geschlagen werden sollte. Dichter, falter Nebel hüllte die Gegend weit und breit ein. Schon frühmorgens begab sich Napoleon zu der Vorpostenfette oberhalb Puntowiß, um den Feind zu beobachten. Die Wachen konnten kaum auf zehn Schritte weit sehen. Im Lager der Franzosen herrschte tiefe Stille, desto lebhafter gieng es am linken Flügel des russischen Lagers zu. Die Lagerfeuer auf der Höhe bei Praße begannen zu erlöschen, wogegen sich Lichter nach Süden, gegen Telniß bewegten. Die französischen Wachen hatten also richtig gemeldet, dass der Feind colonnenweise die Höhe von Praße verlasse und in die ihm gelegte Falle eile. Napoleon war zufrieden, wartete aber noch ab, bis der Feind den begonnenen Fehler vollenden würde. „Ehe der Tag fich neigt, gehört diese Armee mir“, soll Napoleon zu seinen Marschällen gesagt haben, indem er auf das verbündete Heer auf den gegenüberliegenden Höhen zeigte.

Die Russen, welche unter Führung österreichischer Officiere nach dem Schlachtplane die Höhen verließen, merkten wegen des dichten Nebels nichts, obwohl sie nur einen Kanonenschuss vom Centrum der französischen Armee entfernt waren.

Auf einmal erdröhnte Kanonendonner und die Franzosen waren da, wo sie niemand vermuthet hätte. Die einzelnen Corps verließen ihre Stellungen um 7 Uhr früh. (Siehe die Karte.)

Der erste Kanonenschuss, der den Beginn der Schlacht verkünden sollte, wurde bei der St. Antonkapelle oberhalb Aujezd abgefeuert, worauf sich sofort ein lebhaftes Artilleriefeuer entwickelte. Während desselben entspann sich zwischen sieben und acht Uhr früh der erste zähe se ampf um den Bejiß von Telniß. Die österreichische Cavallerie und Infanterie Sienmayers (H') rückte unter klingendem Spiele von Aujezd an, um dem ersten Corps den Weg zu bahnen, und empfieng bei der Martersäule auf der Anhöhe vor Telniß die Feuertaufe. Telniß war von den Franzosen beseßt und stark befestigt. Die Wein- und Obstgärten waren mit einem tiefen Graben umgeben und bildeten eine förmliche Festung. Endlich wurde Telniß nach erbittertem Kampfe vom ersten Armeecorps unter Dochturov (A^) um 81, Uhr den Franzosen entrissen.

Als Davoust das Geschüßfeuer vernahm, brach er von Raigern auf und marschierte auf den Höhen oberhalb der Teiche von Ottmarau (a“), um Legrand (c) eine starke Unterstüßung zuzuführen. Der Kampf entbrannte neuerdings, Telniß wurde von den Franzosen genommen, ihnen aber von den Verbündeten wieder entrissen.

Der ganze Thalgrund des Goldbaches war noch immer in dichten Nebel, der den Ausblick nicht wenig hinderte und den Kampf sehr erschwerte, eingehüllt. Deshalb begann auch das 26. leichte Regiment von der Division Legrand eine Weile auf das 108. französische Regiment, weil dessen Farben bei dem dichten Nebel nicht zu unterscheiden waren, zu schießen. Inzwischen nahm das zweite Corps unter Langeron (B4) um 9 Uhr Sokolniß und das dritte Corps unter Przibyszewski (C) nach hartnäckiger Vertheidigung das Schloss Sokolniß. Die Division Legrand (c) zog sich nach zähem Widerstande und großen Verlusten zurück, worauf der linke Flügel der Verbündeten zwischen Sokolnik, Telniß und den Ottmarauer Teichen (A“, Bʻ, am Donawabache) Stellung nahm; dessen ungeachtet unterhielten Davoust (a“) und Legrand (c), wenn auch mit geringeren Streitkräften (12.000 Mann gegen 40.000), mit um so größerer Waghalsigkeit und ungewöhnlicher Zähigkeit den fampf weiter,1) so dass unser linke Flügel froß aller Anstrengung nicht vorwärts dringen konnte, woran auch die Unthätigkeit des unfähigen Burhoevden schuld war.

Ein durchschlagender Erfolg unseres linken Flügels, von dem die Verbündeten jo viel erwarteten und nach der gegebenen Disposition eigentlich der Ausgang der Schlacht abhieng, wurde hauptsächlich dadurch vereitelt, dass die einzelnen Corps allzu spät und lässig an den ihnen angewiesenen Orten eintrafen und erst in den Kampf eingriffen, nachdem ein Corps das Eintreffen des anderen nach dem Schlachtplane abgewartet hatte. Der weite Umweg, der nach dem Schlachtplane allerdings unvermeidlich war, verursachte einen so bedeutenden Zeitverlust, dass unser linke Flügel erst beim Schlosse und Dorfe Sokolniß eintraf, als das Centrum Napoleons von Schlapaniß bereits gegen die Höhen von Praße vorrückte! Plößlich stießen auch Åbtheilungen vom zweiten Corps, die in und hinter Sokolniß am Kampfe betheiligt waren, mit den Truppen des dritten Corps zusammen, wodurch eine nicht geringe Unordnung und Verwirrung in unseren Reihen plaßgriff.

Zudem war für den linken Flügel der Oberbefehlshaber desselben, General Burhoevden, selbst verhängnisvoll ; er soli in unzurechnungsfähigem Zustande auf dem Schlachtfelde gewesen sein und hat in dem

1) Dem General Friant von der Division Davoust wurden vier Pferde unter dem Leibe niedergeschossen.

Gedenkbuche der Pfarre Kutscherau eine treffende Charakteristik erhalten (Seite 39). Burhoevden befand sich während der Schlacht beim ersten Corps, das Dochturov befehligte. Die Massengräber hinter dem herrschaftlichen Schüttkasten sind Zeugen der zähen und blutigen Kämpfe, die sich in und bei Sokolniß abgespielt haben. Die erschreckten Bewohner von Sokolniß hatten sich während des Sampfes in den Kellern ihrer Häuser verborgen.

Przibyszewski wollte die Verbindung mit dem Corps Kutuzovs aufrecht erhalten und schickte in der Meinung, dass diejes Corps bereits gegen Kobelnit vorrücke, ein Bataillon Jäger in dieser Richtung ab. Allein dasselbe stieß bei Kobelnitz auf die Brigade Lavasseur und wurde in wilder Flucht längs der Fasanerie zum Schlosse Sokolniß zurückgejagt.

Wohl war an unserem linken Flügel ein wirksamer Anfang gemacht worden, aber die Aufgabe selbst noch nicht gelöst, denn die Entscheidung fiel im Centrum der Truppen, bei Praße!

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Die Krise und Entscheidung im Centrum bei Praße.

. Die Franzosen standen ruhig in Reihen am Welatißer- und Goldbache, bei Nobelniß, Puntowiß und Jirzifowiß und warteten ungeduldig und begierig auf den Befehl zuin Kampfe, der ihnen Sieg, Ruhm und Beute bringen sollte. Napoleon hielt mit diesem Befehle bis halb neun Uhr morgens zurück und zügelte so den Übereifer seiner Truppen.

Inzwischen war die Sonne, die bekannte „Austerlißer Sonne“, blutigroth und prächtig aufgegangen; ihr Bild blieb dem Geiste Napoleons unauslöschlich eingeprägt und die Erinnerung an die „Austerliber Sonne" gewährte ihm noch in späteren traurigen Tagen Trost. Die Nebel begannen zu fallen, die Höhe von Praße wurde wieder frei und glich einer Insel im Meere, endlich zerstreute ein scharfer, eisiger Wind auch den Nebel in der Niederung. Die Höhe von Praße, gestern noch mit Truppen und Geschüßen bedeckt, war heute beinahe leer; die russischen Truppen waren ja zum

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