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Theile schon in einem weiten ganz überflüssigen Bogen in das Defilé zu den Bächen und Teichen von Telniß und Sokolniß hinabmarschiert, wo sie in einen blutigen, zähen Kampf verwickelt wurden, zum Theile räumten sie noch die Anhöhe von Praße, auf welcher Napoleon den Angriff wagen wollte, da er dieselbe zum Schlüssel seiner Position auserwählt hatte. Im entscheidenden Augenblice, der um die neunte Stunde eintrat, war die Höhe bei Praße von unseren Truppen fast ganz geräumt.

Napoleon beobachtete, umgeben von seinen Marschällen, vom Hügel Zuran bei Schlapaniß die feindlichen Bewegungen. Er saß auf einem gedrungenen, grauen Araber, einen blauen Mantel um die Schultern ; die Marschälle standen einige Schritte hinter ihm. Bald blickte er auf die Hügel bei Praße, die eben über dem Nebelmeere sichtbar wurden und über die sich in der Ferne Massen russischer Truppen fortbewegten, bald horchte er auf das Geknatter des Gewehrfeuers und den Kanonendonner im Defilé bei Telniß. Kein Muskel bewegte sich in seinem mageren Gesichte, seine glänzenden Augen blickten spähend nur auf einen Punkt. Seine Vorahnungen erfüllten sich, seine scharfe Urtheilskraft und seine richtigen Combinationen bewährten sich. So oft es nothwendig war, hielt der kaiserliche Page Golz seine Schulter hin, auf die Napoleon sein Fernrohr stüßte. Er sah, wie im Defilé in Mitte der Nebelmassen die gepflanzten Bajonette nach einer Richtung hin blikten, wie die Colonnen der russischen Truppen in das enge Defilé einmarschierten und eine Colonne nach der andern im Nebelmeere verschwand. Dessen ungeachtet zögerte er, die Schlacht zu eröffnen.

„Wie lange Zeit brauchen Sie“, fragte Napoleon den Marschall Soult, „um mit Ihren Divisionen auf die Höhen von Praße zu gelangen?“ „Weniger als 20 Minuten“, antwortete Soult, „denn der Feind sieht mein Corps noch nicht.“

„Gut, da wollen wir noch 20 Minuten warten, um den Feind in seinen verfehlten Bewegungen nicht zu stören.“

Endlich zog Napoleon den Handschuh von seiner weißen Hand – es war sein übliches Zeichen zum Beginne der Schlacht – und die Marschälle ritten mit ihren Adjutanten im Galopp zu ihren Abtheilungen zurück. Nach einer Weile ferte sich die Hauptmacht der französischen Armee rasch in Bewegung und zwar in gerader Richtung gegen die Anhöhen von Praße, welche die russischen Truppen immer mehr leerten; sie schwenkten nach links und verschwanden im Defilé..

Noch in dieser lekten, entscheidenden Weile richtete Napoleon an einzelne Regimenter aufmunternde, herzliche Worte :

„Ich hoffe, dass sich die Normannen (28. Regiment) heute auszeichnen werden.“

„Vergesset nicht, dass ich Euch vor einigen Jahren den Namen: Das fürchterliche Regiment' gegeben habe." (57. Regiment.)

Im Galopp die Schlachtlinie abreitend, rief er: „Soldaten! Mit einem Schlage, der den Feind zermalmt, werden wir den Feldzug beenden. Schießet nicht viel, aber treffet sicher ! Bis zum Abende werden wir diese nordischen Truppen, die sich mit uns zu messen wagen, besiegen!"

„Vive l'Empereur!“ lautete die begeisterte und jubelnde Antwort der Soldaten auf die Worte Napoleons.

Eben marschierte das vereinsamte vierte Corps (D)1), wobei sich Kutuzov befand, zögernd von der Anhöhe in das Thal hinter dem dritten Corps. Beim vierten Corps befanden sich beide Kaiser, umgeben von einem glänzenden Gefolge adeliger Officiere, Alexander voll freudiger Hoffnung, Franz, ernst und düster vor sich blickend. Wir sagen, dass das vierte Corps zögernd

1) Siehe die Karte.

hinabmarschierte, denn Kutuzov hatte troß seiner Schläfrigkeit beim Kriegsrathe die strategische Bedeutung der Höhen von Praße vollauf erkannt und dieselben ungern erst auf den ausdrücklichen Befehl Kaiser Alexanders verlassen.

„Warum beginnen Sie nicht mit dem Abmarsche ?" fragte Alexander.

„Ich warte, Majestät, weil noch nicht alle Colonnen vereinigt sind“, antwortete Kutuzov, sich ehrfurchtsvoll verneigend.

,, Wir sind doch nicht auf dem Erercierplaß, wo die Parade erst beginnt, wenn alle Regimenter eingetroffen sind.“

„Gerade deshalb beginne ich nicht, Majestät, weil wir nicht in Parade und auch nicht auf dem Erercierplaße stehen“, antwortete Kutuzov laut und bestimmt.

Die Nebel begannen sich zu zertheilen und man konnte die feindlichen Truppen in Umrissen auf den gegenüberliegenden Höhen von Schlapaniß und Kobelniß sehen. Vor dem Corps war die Fläche, welche sich gegen den Goldbach abdacht, inenschenleer und noch immer in dichten Nebel gehüllt. Die Vorhut Kutuzovs marschierte eben aus Praße heraus. In diesem Augenblicke jagte ein charfer Wind die leßten Nebel auch in der Niederung aus einander und ganz verblüfft erblickten die Verbündeten gerade vor Praße die dichten Reihen der französischen Infanterie, welche sofort ein Feuergefecht eröffnete und sich ungestört auf Praße und die Höhe von Praße warf, während die österreichisch-russischen Führer glaubten, die französische Infanterie stehe viel weiter, ...hinter dem Goldbach e.

„Schaut nur, schaut vor Euch hinab, vom Hügel hinab“, rief ein Adjutant aus, – ,,Franzosen !"

Zwei Generale und Adjutanten griffen nach dem Fernrohr, ja sie entrissen es einander. Sie wechselten ihren Gesichtsausdruck und man sah es ihnen an, dass sie geradezu verblüfft waren.

„Der Feind ? ... das ist denn doch unmöglich! ..doch schauet... er ist es wirklich.. Ja, aber wie ist das möglich ?" Solche und ähnliche Außerungen fonnte man vernehmen.

Soult leitete den Angriff auf Praße mit Gewandtheit und Ausdauer.

Die Division Vandamme (b“), welche in der Niederung von Jirzikowiß her zum Angriffe vorrückte, eroberte nach zähem Bajonettkampfe den Hügel „Staré Vinohrady“ bei Praße, der mit russischer Infanterie und Artillerie stark beseßt war. Gleichzeitig stürmte die Division St. Hilaire (b') in der Niederung von Puntowiß her nach der Höhe; beide Divisionen vereinigten sich vor Praße, marschierten rasch durch diesen Ort und stiegen, nachdem sie einen Vertheidigungshafen gebildet hatten, mit wachsendem Ungestüm die Hügel von Praße hinan. Die übrigen Truppen, die Division Drouet vom Corps Bernadottes (do) folgten nach.

Nun ließ Kutuzov, der den taktischen Fehler des Schlachtplanes begriff, sein absteigendes Corps rasch halten und zog seine Truppen in eine feste Stellung zusammen. Die Osterreicher unter Kolowrat und die Russen unter Miloradovicz, später auch ein Theil der tüchtigen Cavallerie Liechtensteins und der prächtigen, tapferen russischen Leibgarde stürzten sich vor den Augen des Czaren Alexander voll Feuer und jugendlicher Bravour wie Löwen den Franzosen gegenüber, allein der große und verzweifelte Kampf blieb erfolglos — die Uber macht des mörderischen Feuers und die zielbewussten Bewegungen der französischen Colonnen machten alle ihre wahrhaft heldenartigen Angriffe zunichte. Einzelne Bataillone des Corps Kutuzovs überschütteten den mächtigen, ungestüm auf die Höhe vordrängenden Feind mit einein mörderischen Kugelregen und unternahmen, indem sie mit dem Bajonette die tapferste Gegenwehr leisten, Ausfälle auf ihre Bedränger – allein sie kehrten immer wieder unverrichteter Dinge zurück, ein Ansturm nach

dem andern, ein Anlauf nach dem andern wurde vom. stärkeren Gegner immer wieder zurückgeschlagen.

Auch der tapferste Widerstand half nichts, weil es an Einheit fehlte; der ganze Schlachtplan war zunichte gemacht uud zwar deshalb, weil man ohne alle Beweise den Feind dort vorausgeseßt hatte, wo sich derselbe eben nicht befand.

Napoleon war es klar, dass auch eine ganz kleine Macht viel stärkere Abtheilungen aufreiben kann, wenn sie geschickt und rasch manövriert, so dass immer zwei Mann gegen einen stehen und zwar dort, wo der Kampf tobt. Die Vorhersagung Napoleons, in dem Tagesbefehle der Schlacht enthalten, lautete: „Während fie marschieren, um meinen rechten Flügel zu umgehen, werden sie mir Šie Flanke bieten!" Sie hat sich bei Braße getreulich erfüllt.

Den blutigen Kampf in Praße eröffneten die russischen Bataillone unter Miloradowicz, wurden jedoch geschlagen, so dass sich die Franzosen unter wirksamer Unterstübung ihrer Artillerie des Dorfes Praße und der Kirche auf der Anhöhe bemächtigten. Kutuzov schickte zwei österreichische Brigaden (Rottermund und Jurczek) ab, um die verlorene Position wieder zu erobern; beide Brigaden kämpfen wie Löwen, schlagen die Franzosen zurück, ein französisches Regiment wird umzingelt und wil sich schon ergeben – da naht Hilfe, das Regiment wird befreit, die österreichische Artillerie stellt, weil sie die fran= zösische Infanterie wegen der ähnlich en Uniform für russische ansah, das Feuer gerade in dem Augenblicke ein, in dem sie am besten wirken follte und konnte.

Um die verlorene Höhe zum zweitenmale zu nehmen, befahl Kutuzov einen Bajonettangriff. Die österreichische und russische Infanterie warf sich auf den Feind, das Regiment Salzburgs und das Bataillon Auerspergs wirkten wahre Wunder an Tapferkeit, General Jurczek

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