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Es ist eine der vielen Streitfragen der englischen Litterarhistorik: Wer ist als der erste moderne, englische Dichter zu betrachten? Manche beginnen die neue Aera schon bei Thomson, andere wollen bis auf Byron oder die » Seeschule« zurückgehen, viele stellen auch Burns an die Spitze. In einer der neueren englischen Litteraturgeschichten, die grosses Ansehen geniesst (Mrs. M. Oliphant, Litterary, Hystory of England 1882, 3 Bde.), finden wir die Ansicht energisch vertreten, dass mit William Cowper (1731—1800), dem Dichter der Task«, die Nineteenth Century Litterature anhebe. Er wird dort als »the reformer of litterature and the father of a new poetic aera« hingestellt.

Ohne zunächst auf die Berechtigung dieser verschiedenen Ansichten einzugehen, möchten wir nur feststellen, dass alle die genannten Dichter das gemeinsame Merkmal haben, in hervorragender Weise Naturdichter gewesen zu sein. Und es darf uns auch nicht wundern, dass gerade in England der Beginn einer neuen Litteraturepoche mit dem Wiederaufleben des Naturgefühls zusammengebracht wird. Ist doch gerade die Liebe zur Natur eines der wesentlichsten Elemente, welches den Charakter der englischen Kunst und Litteratur bestimmt.

Aber es ist auch in der Litteraturgeschichte fast aller Völker eine regelmässig wiederkehrende Erscheinung, dass, wenn der herrschende Geschmack die Einfachheit verloren hat und der erfinderische Geist der Modedichter nach immer erstaunlicheren und sensationelleren Effekten greift, durch Künstelei und Unnatur zu wirken sucht, ein Umschwung unausbleiblich ist, indem sich der Menschengeist instinktiv dem alten Jungbronnen der Kunst, dem einzigen beständigen Elemente der Litteratur, wieder zuwendet: der Natur, der Einfachheit, der Wirklichkeit. Das dem menschlichen Geiste immanente Naturgefühl kann wohl, analog wie das uns angeborene metrische Gefühl, zu Zeiten von dem Schnörkelwerke der Künstelei überwuchert werden, aber es lässt sich nicht ertöten. Wie ein Bergstrom bricht es plötzlich hervor und reisst die Nichtigkeiten, in denen sich der Modegeschmack gerade gefällt, hinweg. Diese litterarische Rückkehr zur Natur hat übrigens ihre genaue Analogie in der Geschichte der Malerei.

Man verlegt nun gewöhnlich das Wiedererwachen des Naturgefühlsausserhalb Englands und hält es unauflöslich mit dem Namen Rousseaus verknüpft. Dabei beachtet man aber nicht, dass sich zweifellos in England schon früher die Rückkehr zur Natur vollzog, wenn auch nicht in so revolutionärer Form wie in Frankreich. Während Rousseau den Beginn des modernen, subjektiven Naturgenusses allerdings bezeichnet, äussert sich die Rückkehr zur Natur in England in einer plötzlich entstehenden Leidenschaft für das Landleben.

Selbst ganz abgesehen von Milton, dessen Einfluss auf die Entwicklung des Naturgefühls und der Naturschilderung in England ausserordentlich gross war, dessen » Penseroso « und » Allegro« mindestens eben so hoch stehen wie die gleichzeitigen Landschaftsbilder eines Ruysdael, Waterloo u dergl., selbst also abgesehen von Milton, ist es nicht etwa bloss Thomson, der Rousseau vorausging, auch in der wissenschaftlichen Vertiefung in die Natur und in der Reisebeschreibung stehen die Engländer schon im 17. Jahrhundert hoch über Franzosen und Deutschen, was besonders den Schriften von Biese (Biese: Die Entwicklung des Naturgefühls im Mittelalter und in der Neuzeit. Leipzig 1888) und Friedlaender (L. Friedlaender: Ueber die Entstehung und Entwicklung des Gefühls für das Romantische in der Natur. Leipzig 1873) gegenüber hervorgehoben werden muss. Rousseau's Einfluss auf die Entwicklung des Naturgefühls ist weit überschätzt worden.

Sehr verschieden wurde dieser Vorliebe für das Landleben in England dichterischer Ausdruck verliehen, wie uns schon die drei Namen der Sänger des »rural pleasure« lehren. Thomson, Goldsmith, Cowper sind ja das englische Triumvirat der Dichter und Sänger des Landlebens. Und es ist, wie gesagt, nicht die Frage, wer die Rückkehr zur Natur in England eingeleitet hat, sondern wer der erste moderne Naturdichter war.

Ja, man darf wohl noch weiter gehen: In England scheint nicht nur für den Naturdichter, sondern für den ersten modernen Dichter überhaupt das eigentümliche, neubestärkte und sich neu bethätigende Naturgefühl das ausschlaggebende Kriterium zu sein. Dass, wie Bleibtreu meint, die Naturschwärmerei durch die romantische Schule abgelöst wurde, dass die Wertschätzung der Geschichte die Begeisterung für die Natur unterdrückt hätte, gilt für England wohl nicht in dem Masse wie für Frankreich und Deutschland. Wenn diese Richtung auch nicht fehlte, so kam sie doch nicht so zur Herrschaft, dass Werke wie »das Schloss von Otranto«, die Romane Scotts, die romantischen Gedichte Byrons der neuen Zeit den Stempel aufgedrückt hätten. Ist die Romantik auch ein wesentlicher Faktor der neuzeitlichen Litteratur, so muss er an Wichtigkeit in England hinter der Naturbegeisterung zweifellos zurückstehen.

Um aber das Naturgefühl als sicheres Kennzeichen für moderne Denkweise eines Dichters anzuwenden, bedarf es genauer Einzeluntersuchungen, auf die heute noch zu wenig Gewicht gelegt wird. Man muss erstens das Naturgefühl eines Dichters, wie wir es

aus biographischen Einzelheiten ersehen, untersuchen, also das Verhältnis des Dichters als Menschen zur Natur feststellen, wie es sich aus seiner Lebensweise vor allem, seinen Handlungen und seinen hier und da geäusserten Anschauungen ergiebt. Man kann gerade auf diese Weise die Aufrichtigkeit des Naturgefühls, das sich etwa später in seinen Naturdichtungen findet, am sichersten beurteilen. Wir würden auch zu leicht ein ungenaues Bild bekommen, wollten wir uns

an den poetischen Niederschlag des Naturgefühls halten. Lesen wir doch zu leicht in Werke, die ca. 100 Jahre vor unserer Zeit geschrieben sind, viel zu viel von unserem modernen Empfinden hinein. Es täuscht uns bei poetischen Ergüssen oft der dichterische Ausdruck, die kühne Phantasie des poetischen Genius über das Wahre und Angeschaute der

nur

Naturempfindung hinweg. — An zweiter Stelle muss man dann den dichterischen Ausdruck des Naturgefühls untersuchen. Hier kommt es auf eine möglichst vollständige Zusammenstellung der Gedichtstellen an, die uns ein Bild von dem Naturgefühl des Dichters gewähren können.

Ferner muss man stets sein Augenmerk richten auf die eigentümliche » Färbung« des Naturgefühls: Wie ein Ton seine bestimmte Klangfarbe von den Obertönen erhält, so bekommt das Naturgefühl seine eigentümliche Färbung von den übrigen Hauptgefühlsrichtungen, welche die Dichterseele im Allgemeinen bewegen. So kann für die Richtung der Naturbetrachtung die Weltanschauung, speziell etwa religiöses Gefühl in Frage kommen. Melancholie, Sinn für Formen und Farben, Lust am Schildern, andererseits Selbstbeobachtungen, Neigung zur Analyse der Eindrücke und Stimmungen, die uns bewegen, können der Naturdichtung einen objektiven, epischen Charakter, bez. eine stark subjektive, d. h. lyrische Richtung geben.

Um so weniger werden wir nun gerade bei einem Dichter wie William Cowper auf die zuerst angedeutete Untersuchung des Verhältnisses verzichten, in dem der Mensch Cowper zur Natur stand, da wir hier in der selten günstigen Lage sind, in seinem auch als litterarisches Denkmal hochberühmten Briefwechsel (Southey's works of Cowper, Bd. III–VII) ein biographisches Material von ungemein intimem und daher für unseren Zweck äusserst wertvollen Charakter zu besitzen. Diesen feinen Zauber der Intimität und den starken Reiz grösster Aufrichtigkeit verdankt dieser wundervolle Briefwechsel nur dem Umstand, dass der Autor nie daran dachte, ihn zu veröffentlichen.

Ich hoffe, durch eine nach dem in vorstehendem motivirten Plane ausgeführte Untersuchung über das Naturgefühl Cowpers in den Stand gesetzt zu werden, auch ein Urteil über die eingangs erwähnte litterarhistorische Stellung Cowpers abgeben zu können.

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