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sind. Als dieselben 1808 in Jeffreys Edinburger Revue mit unbilliger Schärfe rezensiert worden waren, gedachte er anfangs den plumpen und etwas hämischen Kritiker) zum Zweikampf zu fordern, besann sich aber dann eines andern. Es gab auch sonst noch Waffen, solche wie Pope sie einst geschwungen. Der kritisierte Lyriker wurde also nun selber kritisch. Seine tiefe Gereiztheit verlieh ihm die Kraft ernstlich zu arbeiten, was sonst seine Sache nicht war. Er studierte sein Muster (Pope) und suchte der Satire die gleiche Schärfe und Zierlichkeit zu geben. Es gedieh dieselbe zu immer grösserem Umfang, nach und nach wurde so ziemlich die ganze Litteratur der Zeit hineingezogen, alles wurde schonungslos verhöhnt.?)

Die Satire erschien gegen das Frühjahr 1809. Schon im Anfange des Jahres war B. mündig geworden und hatte einige Tage vor dem Erscheinen der Satire seinen Platz im Oberhause eingenommen. Seinem längst gehegten Plane auf Reisen zu gehn stand nun nichts mehr im Wege.

Im Sommer 1809 also ging er ausser Landes. Er durchreiste den südwestlichen Teil der pyrenäischen Halbinsel und hielt sich dann geraume Zeit in der Türkei auf. Im Verlauf der Reise beschrieb er in Versen was er sah und erlebte”) und publizierte nach seiner Heimkehr (Juli 1811) das poetische Reisejournal in zwei Gesängen. Er gab ihm den Titel Childe Harold's Pilgrimage. Ursprünglich hatte er es Childe Burun's Pilgrimage betiteln wollen.)

Die beiden ersten Gesänge sind am 31. Oktober 1809 zu

»). Wer eig. den gegen B. gerichteten Artikel der Revue verfasst habe, ist nicht sicher bekannt; man schwankte zwischen Jeffrey selbst und seinem Mitarbeiter Henry Brougham (später Lord Brougham). Jf. I 179.

2) Später hat B, manche seiner Bosheiten bereut, s. III 29, 3. Den in der Satire verspotteten Th. Moore, hat er nachmals mit Komplimenten überschüttet in den Briefen) und der ebenfalls verspottete Walter Scott ist ihm IV 40, 8 der nordische Ariost. Reue setzt Gutmütigkeit voraus und wer heute dies und morgen das Gegenteil meint, mag geistesgewandt scheinen; aber die unverschämtesten Dinge nur so in die Welt zu schleudern, kann doch niemals löblich sein.

3) Über den ersten Impuls zum Ch. H. findet man die verschiedensten Behaaptungen; bald sollen es Wrights Horae Ionicae, bald Galts Reise (in Spenserstanzen), bald Moores Zeluco gewesen sein. Ez. 393; Jf. I 80. Die Prüfung dieser Behauptungen überlasse ich denen, deren Bibliotheken reicher als die meinige ausgestattet sind.

4) Ob er Harold's oder Burun's setzte, war ziemlich einerlei. Obwohl Burun ältere Schreibung statt Byron, also des Wichters eigener Janina in Albanien begonnen, als B. sein 22. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, und am 28. März 1810 zu Smyrna abgeschlossen. Diese Daten fand Moore von des Dichters Hand dem Manuskripte zugefügt.") B., der sich viel damit wusste schnell zu produzieren, betrachtete seine Arbeiten in der Regel zu früh als abgeschlossen. So geben denn auch die obgedachten Daten nur die Zeit des vorläufigen Abschlusses an. Schon ehe er heimkehrte muss einiges zugefügt sein.) Am spätesten ist die Widmung (To Ianthe) geschrieben, die erste Ausgabe erschien ohne Widmung.

B. hatte während seiner Reise noch ein anderes Gedicht verfasst, die Hints from Horace, ein Seitenstück zu der Satire von 1809. Er legte grosses Gewicht auf dasselbe in der Meinung, dass sein poetischer Beruf im Gebiete der litterarischen Kritik liege, misstraute dagegen dem Erfolg der poetischen Reisebeschreibung, über die bereits von jemandem (von wem, wissen wir nicht) ein ungünstiges Urteil gefällt worden war. Ez. 116. Sein Freund und Verwandter Dallas, dem er die neue kritische Leistung zeigte, war nicht eben sehr erbaut davon und fragte ihn ob das wirklich alles sei, was er aus dem Orient mitgebracht habe. B. entgegnete, es seien noch etliche einzelne Gedichte da, auch eine Menge Spenserstanzen, die durch

Name ist, sollte doch auch Burun den wabren Sachverhalt verschleiern. Der Dichter mochte zu sagen beabsichtigen, er habe einen seiner alten Vorfahren aus der Zeit da dieselben Burun geheissen, also nicht sich selber als Pilger abgeschildert. Vgl. C. I zu Anf.

1) M. 96. Am Schluss von Canto I steht im M. S. das Datum 30. Dezember 1809. B. war damals seit kurzem in Athen. Die Ausg. 851, welche die Zeit des Abschlusses von C. I aus dem M. S. mitteilt, sagt von den Daten die Moore angiebt, nichts.

2) Die drei Stanzen II 79 ff. sind nach dem 28. März geschrieben, das nach England mitgebrachte M. S. aber wird sie enthalten haben; s. II 79, 8; zu vgl. 1 85, 2. Wenn das nach England mitgebrachte M. S. in den Glossen first draught upd original manuscript genannt wird, so treffen diese Bezeichnungen streng genommen nicht zu. Die Urschrift ward 1810 März 28 abgeschlossen; in dieser fehlten II 79 bis 81 und verm. noch mehr Stanzen, die das nach England mitgebrachte M. S. enthielt. Letzteres war also ein erweiterter Entwurf, die Urschrift mit Zusätzen. Von diesem erweiterten Entwurf unterschied sich dann sehr wesentlich das dem ersten Abdruck im Winter 1811/12 zu Grunde gelegte Skriptum, in welchem nach des Dichters Heimkehr neue Zusätze, dazu Weglassungen und kleine Änderungen gemacht waren; s. u. Dieser dem Abdruck zu Grunde liegenden Diaskeue gegenüber kann das nach England mitgebrachte M. S. allerdings first draught und original manuscript genannt werden.

wanderten Länder betreffend, aber diese letzteren seien kaum lesenswert. Dallas, nachdem er die Spenserstanzen gelesen, erklärte, sie würden von sensationeller Wirkung sein, B. müsse sie durchaus publizieren. Er willigte ein.

Die Spenserstanzen wurden also zum Druck vorbereitet, wobei besonders Dallas mitwirkte. Es kamen einige Stanzen hinzu, die sich auf neue Ereignisse des spanischen Krieges bezogen, oder auf solche, die den Dichter persönlich berührten, II 96, 6. Gestrichen wurden schwache Partien, auch verletzende Spöttereien und Ketzereien. Zahlreiche Stellen endlich erfuhren Emendationen.')

Was den Erfolg betrifft, so behielt Dallas Recht. Als der Ch. H. am Ende des Winters 1811/12 erschien, fand er einen Beifall, wie kaum ein Gedicht ihn je gefunden hat. Die Welt pflegt für Poesie wenig empfänglich zu sein, aber vor diesen Stanzen schmolz doch das Eis. Das gerührte Publikum hatte keine Augen für die Fehler des Gedichtes, alles las, bewunderte, vergötterte; schon im folgenden Jahre gab es nicht weniger als acht Auflagen des Ch. H.

Der erlangte Ruhm eröffnete dem Dichter die Pforten der Gesellschaft, er wurde Habitué der vornehmsten Kreise. Unter den Bekanntschaften, die er damals machte, war auch die der Gräfin von Oxford, ) deren zwölfjährige Tochter er in der nachgehends zugefügten Widmung des Ch. H. als Ianthe besungen hat. Von dieser Zeit da B. der Löwe des Tages war und sich vor aristokratischen Diners und Soupers so zu sagen nicht retten konnte, giebt er III 10 f. eine Skizze. Trotz der grofsstädtischen Zerstreuungen produzierte er fortwährend. Die Gedichte dieser Periode (Giaour, die Braut von Abydos, der Korsar, Lara) drehen sich um mysteriöse Figuren, gemalt in düsteren, der eigenen Subjektivität entnommenen Farben; das Publikum hatte den trübsinnigen Ritter Harold schmackhaft gefunden

1) Die gestrichenen Partien und die Varianten findet man vollst. in der Ausg. 851 und bei D. Ich habe in meinem Kommentar den krit. Zubehör grossenteils ignoriert und den Wortlaut älterer Gestalt fast nirgends vollständig gegeben. Nebenher sei bier bemerkt, dass dem Material der Ausg. 851 zufolge das Good Night nicht im M. S. gefehlt zu haben braucht. Wo die beiden weggelassenen Stanzen eig. ihren Platz hatten (zwischen I 11 und 12?), müsste eine erneute Einsicht des M. S. lehren. Nach D. haben die beiden Stanzen anstatt des G. N. im Text gestanden, eine Behauptung für die ich keinen Anhalt habe finden können.

2) She who now so fondly rears thy youth, O 2, 6 f.

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und wurde nun mit derselbigen Speise (gloominess) gefüttert. Aber, was den Ch. H. so interessant macht, der Bezug zur Gegenwart, die Schilderung aktueller Zustände, fehlt in den Produkten dieser Zeit. Damals las man sie indes eifrig, weil sie dem Modedichter herrührten; jetzt sind sie ziemlich vergessen.

In die Londoner Periode fällt auch B.'s Heirat mit Anna Isabella Milbanke, einer Nichte der Lady Melbourne, die seine Gönnerin war. Schon 1812 hatte er sie kennen gelernt und sich um ihre Hand beworben, aber das Jawort nicht erhalten. Fräulein Milbanke hatte indes den Antrag sehr artig aufgenommen und bei ihrer Ablehnung sich zu weiterem freundschaftlichen Verkehr bereit erklärt. Die Beziehungen bestanden also fort und als B. zwei Jahre später seine Bewerbung erneute, ward er erhört; wenige Monate darauf war Anna Isabella Lady B. An sittlicher Kraft und Würde war die Lady ihrem Manne weit überlegen. Gelang es ihr ihn vollständig zu beherrschen, so konnte die Ehe eine erträgliche werden, mindestens fortbestehn. Durch Sanftmut liess sich von B. viel erreichen. Freilich war es keine kleine Aufgabe den genialen, in alle Fehler des Junggesellentums tief eingeweihten Gemahl zum guten Hausvater zu machen, seinen Zweifeln und Spöttereien von dem seitens der Lady eingenommenen Standpunkt: der Rechtgläubigkeit milde zu begegnen, seine auf das Ausland und weite Reisen gerichteten Wünsche mit Rücksicht auf Beziehungen zu geliebten Eltern und die eigenen Hoffnungen (Ende 1815, s. III 1, 2) zurückzuweisen ohne bitter zu den, seine Schroffheiten, sein Maulen gutmütig zu dulden und bei der wachsenden Geldverlegenheit und den wiederholten Pfändungen (neun Pfändungen im Laufe eines Jahres) stets die Rolle der freundlichen Trösterin zu übernehmen. Gelöst wurde denn auch die Aufgabe nicht. In den ersten Monaten scheinen die Eheleute friedlich gelebt zu haben, aber weiterhin änderte sich B.'s Verhalten. Die Lady, ihrerseits in den Grenzen der Weiblichkeit bleibend, kam, den unverzeihlichen Verstössen ihres Mannes gegenüber, auf den Gedanken, dass er wahnsinnig sei.) Die Geburt Adas besserte nichts in dem schon seit Mo

wer

1) Dieser erste Erklärungsversuch, den die Lady aussann, ist verfehlt, aber begreiflich. Der zweite, durch Frau Beecher-Stowe bekannt gewordene ist noch verfehlter. Er scheint erst später, viele Jahre nach des Dichters Tode entstanden zu sein, als sich die Freundschaft, welche

er

naten gestörten Verhältnis der Ehegatten, ja sie trübte dasselbe, weil B. sich einen Sohn gewünscht hatte. Anf. 1816 begab sich die Lady mit dem Töchterchen zu ihren Eltern, und da die wegen des vermuteten Wahnsinnes befragten Ärzte klärten, dass B. bei Verstande sei,) meinte sie ein Recht zu haben ihn zu verlassen.)

Nach der Trennung der Eheleute nahm das Publikum, welches, so sehr es den Verfasser des Ch. H. bewunderte, doch seine sittlichen Schwächen recht wohl kannte (vgl. auch u. XXVII), und ihm überdem wegen seiuer Illoyalität (Verunglimpfung des Regenten, Jf. II 51; 285) zürnte, Partei zu gunsten der Lady, und B. hielt den Schmähungen, mit denen man den schlechten Ehemann sogar in öffentlichen Blättern verfolgte, nicht stand. Im Frühjahr 1816 schiffte er sich ein, um durch Belgien an den Rhein und nach der Schweiz zu gehn, und so ward die Reise auch ausgeführt.

B. hielt an dem Gedanken fest sich mit seiner Frau auszusöhnen.) Aber schon vor seiner Abreise hatte er einen neuen

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die Lady für ihre Schwägerin empfand, in eifersüchtigen Hals verwandelt hatte. Die Spitze des zweiten Erklärungsversuches richtet sich offenbar viel mehr gegen Augusta als gegen den längst verstorbenen Gemahl. Jf. III 267. Um diese moralisch zu vernichten, wurden von der Lady alte Klätschereien aufgewärmt und Stellen aus B.'s Schriften, auch wohl mündliche Ausserungen, die er unvor tigerweise gethan, in dem gewünschten Sinne benutzt.

1) Vgl. III 80, 7.

Der zu rate gezogene Anwalt Lushington erklärte anfangs, er sehe keinen Grund zur Auflösung der Ehe. Dann machte Lady B. ibm eine Mitteilung, die ibn umstimmte. Welchen Inhaltes dieselbe war, ist nicht bekannt. Früher meinte man sie habe B.'s Beziehungen zu Augusta betroffen (Ez. 176); neuerdings treten andere Hypothesen hervor. Jeaffreson hat vermutet die London-Genfer Liaison sei Gegenstand der Mitteilung gewesen. Bleibtreu nimmt materielle Gründe an; seine Meinung scheint dahin zu gebn, dass B. beimlich vor seiner Ehefrau das Familienvermögen zu schädigen beabsichtigt habe um 4000 Dollars, als deren Erbe jener in Those flaxen locks vorkommende William eingesetzt gewesen wäre. Doch giebt Bleibtreu nur heuristische Winke; ich weiss also nicht, ob ich seiner Ansicht völlig gerecht geworden bin. Die Elemente, aus denen sie gebildet ist, sind unsicher. Überhaupt sind die Anbaltspunkte um das Rätsel zu lösen von solcher Art, dass es am besten sein wird auf jede Lösung zu verzichten.

3) Aufgegeben hat er diesen Gedanken nie, im Gegenteil machte er wiederholte Annäherungsversuche. War ein Versuch gescheitert, so mag er wohl eingesehn haben, dass der Bruch unheilbar sei, aber geänderte Stimmung und Zuspruch von Freunden bestimmten ihn dann doch wieder aufs neue nach Annäherung zu streben.

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