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EINLEITUNG

Biographie.

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Des Dichters Vater war zweimal verheiratet. Von seiner ersten Frau hatte er eine Tochter, Augusta. Zu der zweiten Eheschliessung veranlasste ihn die Hoffnung durch eine reiche Partie aus seiner Geldnot herauszukommen; Katharine Gordon, Erbin von Gight, die er sich 1786 antrauen liess, war vermögend. Erstes und einziges Kind dieser Eltern war GEORG GORDON BYRON, 1) geboren 22. Januar 1788 zu London, Holles Str., Cavendish Square.

Georg B. war von Kindesbeinen an lahm, er hatte die Anlage zu einem Fussübel, eine Sehnenverkürzung, mit auf die Welt gebracht. Die Achillessehne des einen Fusses war so verkürzt, dass er die Fusssohle niemals vollständig ansetzen konnte und genötigt war, den Hacken durch eine Vorrichtung im Stiefel zu unterstützen. Jf. I 47. Der kürzere Fuss war auch merklich kleiner als der andere, überdem seitwärts verdreht, letzteres verm. infolge einer gewaltsamen Kur.) Die Verhältnisse der Eltern trübten sich bald durch Misswirtschaft; ihre pekuniäre Bedrängnis ward so bedeutend, dass die Güter der Frau za Spottpreisen verkauft werden mussten. Auch um den häuslichen Frieden war es gethan und die Eheleute trennten sich. Zu Anfang 1791 oder noch eher (Jf. I 58) entfloh Kapitän Byron

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1) Im J. 1822 nahm er, nach dem Tode der Lady Noel, seiner Schwiegermutter, den Namen Noel hinzu und zeichnete Noel Byron. Jf. JII 79.

3) Ob der rechte oder der linke Fuss kürzer war, und ob der kürzere Fufs einwärts oder auswärts gebogen war, darüber schwanken die Zeugnisse. Ez. 2. Ausg. 329; 438.

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seinen Gläubigern und ging nach Frankreich, wo er einige Monate später ums Leben kam.') Georg lernte seinen Vater also gar nicht kennen. Ohne Vater aufzuwachsen ist im allgemeinen ein Unglück; in diesem Falle war das Unglück nicht grofs, da ein leichtsinniger Abenteurer wie Kapitän Byron wenig im stande war den Pflichten eines Vaters zu genügen. Georg wuchs also auf unter der Obhut seiner Mutter. Aber auch diese verstand sich nicht auf Erziehung. Unarten, die das Kindesalter mit sich bringt, regten die nervöse Dame dermassen auf, dass sie den Kleinen auf jede Weise zu strafen trachtete; wenn er der etwas korpulenten Verfolgerin trotz seines Hinkfusses entwischte, ergriff sie eine Feuerschaufel oder was sonst zur Hand war, und schleuderte sie auf ihn ab. Gelegentlich eines solchen Auftrittes schalt sie ihn einstmals einen lahmen Balg (lame brat). Eine solche Mutter wurde ihm trotz ihrer Standreden und Tomahawks lächerlich, und wenn sie zu anderer Zeit ihren einzig Geborenen mit leidenschaftlichen Liebkosungen überschüttete, so war das nicht der Weg eine kindliche Ehrerbietung herzustellen, die überhaupt in dem frühzeitig kritisierenden Geiste des Knaben weniger leicht Wurzel fasste als in einfachen Gemütern. Seine Geistesentwickelung wurde auch durch das Fussübel, welches ihn hinter allen seinen Altersgenossen zurückstehn liess, und durch die langwierige, peinliche Kur, der man ihn unterwarf, beschleunigt; er gelangte zu Betrachtungen, die über den Horizont eines Knaben hinausgehn: so altklug wie Georg B. war nicht leicht ein Kind.

Zur Sänftigung seines Gemütes trug wohl eine ihm mit innigem Wohlwollen ergebene Amme, May Gray, bei. Sie wusste verschiedene Psalme auswendig und der Pflegling lernte sie aus ihrem Munde.) Aber den Ernst und die Liebe einer würdigen Mutter können Ammen nicht ersetzen.

Die den Byrons seit 1643 zustehende Pairschaft führte, während Georg Knabe war, sein Grossonkel, der in der Familie der alte Lord genannt wurde. Der Grofsneffe blickte gern auf seine Ahnen und hätte, wenn der alte Lord dazu angethan ge

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1) Vielleicht durch Selbstmord.

Er war mit der h. Schrift wohl vertraut. Das alte Testament sei ibm, sagte er, ein Genuss, vgl. I 54, 2, das neue betrachte er als eine Aufgabe. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine Bibel liegen, in Missolunghi wenigstens. Er. 361. Das in Italien und Griech. benutzte Exemplar war ihm 1816, als er England verliefs, von seiner Schwester Augusta geschenkt worden. Jf. I 203.

war.

wesen wäre, an ihm einen Halt, einen Ersatz für den fehlenden Vater gewinnen können. In der Familie ward viel von dem sonderbaren Pair gesprochen, der einst einen Totschlag an seinem Vetter und Nachbarn Chaworth begangen hatte und in den letzten Jahren völlig menschenscheu geworden war. Eine Menge von Ungeheuerlichkeiten wurden ihm nachgesagt – Erschiessung eines Kutschers, Mordversuch gegen seine Ehefrau und anderes derart. Die unheimliche Figur des alten Lords hat o. Zw. verwirrend auf das Gemüt des Knaben eingewirkt, um so mehr als dieser von dem ohne Leibeserben verstorbenen Grofsonkel die Pairschaft überkam.

Der alte Lord starb 1798. Als der Lehrer den damals zehnjährigen Georg B. nicht wie sonst mit dem blossen Namen, sondern mit domine Byron aufrief, ergriff ihn das so sehr, dass er in Thränen ausbrach. Dass er Gewicht auf seine Vornehmheit legte, merkten ihm auch seine Mitschüler ab; sie legten ihm den Spitznamen the Old English Baron bei.

Die pekuniäre Lage der Familie besserte sich jetzt, da mit dem Pairstitel der Besitz von Newstead und Rochdale verbunden

In Newstead hatte der alte Lord gewohnt. Frau Katharine also, die seit 8 Jahren von einem ihr gebliebenen Vermögensreste sehr bescheiden gelebt hatte, verliess ihren bisherigen Wohnort Aberdeen und begab sich, da Newstead verfallen und kaum bewohnbar war, vorläufig nach Not ham.')

In Nottingham 1798 und darauf in London 1799 wurden Versuche gemacht Georgs Lahmheit zu heben. Aber das Übel blieb und die Kur des Nottinghamer Arztes verschlimmerte es noch.

Dreizehn Jahre alt bezog der kleine Pair das von Josef Drury geleitete Gymnasium zu Harrow on the Hill bei London. Obwohl er seine Schülerpflichten mangelhaft erfüllte und sich gegen den Zwang sträubte, hinterliess ihm doch das Altertum einen tiefen und bleibenden Eindruck, und da er sehr viel für sich las, prägte er seinem glücklichen Gedächtnisse eine Menge von historischen Kenntnissen ein, deren er sich später mit Erfolg bedient hat. Nebenher warf er sich, soweit sein lahmer Fuss es erlaubte, eifrigst auf Leibesübungen, der Natur, die ihm ritterliche Künste versagt zu haben schien, gewissermassen trotzbietend.

Impietät gegen seine Lehrer kann man ihm nicht vorwerfen;

) Die Abtei Newstead liegt in Nottinghamshire.

alle schätzte er freilich nicht, aber dem Doktor Drury bewahrte er sein lebelang eine innige Dankbarkeit.

Gegen das Ende seiner Schülerzeit fasste er eine Neigung für eine Verwandte. Sie lebte in der Nähe von Newstead, wo B. die Ferien zuzubringen pflegte, und war Enkelin jenes Chaworth, den der alte Lord erschlagen hatte. Mary Chaworth, mehrere Jahre älter als ihr sechzehnjähriger Verehrer, empfand nichts für ihn. Er aber vergass die Jugendliebe nie; je weniger dieselbe, bei mangelnder Gegenseitigkeit, zur Erfüllung kam, desto grössere Bedeutung verlieh ihr das in poetischen Gemütern regsame Bedürfnis eines Ideals. B. kam mehr und mehr zu der Einbildung, mit Mary sei ihm recht eigentlich sein Lebensglück verloren gegangen. Diese Einbildung auf ihren wahren Wert zurückzuführen gestattete die Sachlage nicht, da Mary schon 1805 einem andern zum Altare folgte.")

1805 verliess B. das Gymnasium und bezog die Universität Cambridge, der er mehrere Jahre angehörte. In diesen Jahren wurde denn mit noch grösserer Zwanglosigkeit geboxt, geschwommen, geschossen und besonders viel gelesen. Auch wurde manche Nacht im Kreise der Schul- und Universitätsfreunde lustig verlebt, s. I 7, 7.

B. hatte auch angefangen Verse zu machen. 1807 publizierte er die Hours of Idleness, Jugendgedichte die unbedeutend

1) Poetisch aufgebauschte Erinnerungen derart hatte B. sogar aus noch früherer Zeit. Im Sommer 1800 hatte seine Cousine Margaret Parker auf ibn Eindruck gemacht. Zwei Jahre später starb sie. Jf. I 149 vermutet, B. habe sie unter dem Namen Thyrza gefeiert; was in den an Thyrza gerichteten Liedern auf Margaret Parker nicht passe, sei Ausschmückung. Es passt aber sehr vieles nicht, und jene Lieder sprechen Empfindungen aus, die schwerlich auf eine verschwommene Jugenderinnerung zurückzuführen sind. Man bezieht jetzt zwei Stellen des Ch. H. auf Thyrza, II 9 und 95 f. Es sind nämlich diese Stanzen geschrieben im Oktober 1811, s. was die engl. Ed. bem., und derselben Zeit gehört das Gedicht To Thyrza, beginnend Without a stone

Die Andeutung 95, 3 kann auf den Gedanken bringen, dass es sich um die in Those flaxen locks -- erwähnte Verstorbene handle. Im Kommentar habe ich diesen Gedanken abgelehnt. Nachgehends ist mir ein interessanter Aufsatz zugänglich geworden, in welchem die Identifikation der Thyrza mit jener Verstorbenen lebhaft vertreten wird. Der Vf. ist K. Bleibtreu (Magazin der Litt. des In- und Auslandes 1884 n. 18 280 f.). Thyrza muss während B.'s erster Reise gestorben sein. Das Gedicht Those flaxen locks aber trägt die Jahrszahl 1807.

Dies Datum kann nicht wahr sein, wenn die Hypothese es sein soll. Bleibtreu erklärt denn auch die Jabrszahl 1807 für falsch. Seine Hypothese beruht also auf einer Voraussetzung, die ebenfalls bypothetisch ist.

an.

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