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Gedruckt bei Sam. Lucas

in Elberfeld,

Einleitung.

Die früheste Ausgabe dieses Dramas ist eine Einzelausgabe in Quarto, die im Jahre 1609 mit folgendem Titelblatt erschien: The late, and much admired play, called Pericles, Prince of Tyre. With the true relation of the whole Historie, adventures and fortunes of the said Prince: As also The no lesse strange and worthy accidents, in the birth and life of his Daughter Mariana. As it hath been divers and sundry times acted by his Maiesties Servants, at the Globe on the Banck-side. By William Shakespeare. Imprinted at London for Henry Gosson, and are to be sold at the signe of the Sunne in Pater-noster row. 1609. – Fünf andere Quartausgaben von 1611, 1619, 1630, 1635 und 1639 folgten auf diese erste, und aus der letzten dieser Ausgaben scheint das Drama in die dritte Gesammtausgabe der Shakspere’schen Dramen in Folio vom Jahre 1664 übergegangen zu sein. Es steht daselbst unter dem Titel: The much admired play, called Pericles Prince of Tyre, with the true Relation of the whole History, Adventures and Fortunes of the said Prince. Written by William Shakespeare and published in his life time, und ist in Acte, aber nicht in Scenen eingetheilt und mit einem Personenverzeichniss versehen. - Der Text aller dieser Ausgaben ist corrumpirter als der irgend eines andern Shakspere'schen Dramas in Quarto und Folio; verhältnissmässig am wenigsten verdorben ist noch der der ersten Quarto von 1609, obwohl auch schon dieser von Entstellungen aller Art, wozu namentlich auch vielfache Verstümmlungen und Auslassungen gehören, wimmelt.

Dass der Pericles, Prince of Tyre nicht in dem Sinne, wie die unzweifelhaft ächten sechsunddreissig Dramen, für ein Shakspere’sches Werk gelten kann, wird, abgesehen von den evidentesten innern Gründen, die dagegen sprechen, schon durch die Nichtaufnahme des Stückes in die beiden ersten Folioausgaben von 1623 und 1632 hinlänglich bezeugt. Die Herausgeber dieser Folioausgg., Shakspere's Freunde und Kunstgenossen, hätten gewiss ein Drama, das im Jahre 1608 auf ihrem eigenen GlobusTheater zur Darstellung gelangte, und dessen fortdauernde Popularität durch die vielen folgenden Einzelausgaben beurkundet wird, nicht von ihrer vollständigen Sammlung der Shakspere'schen Dramen ausgeschlossen, wenn ihnen dasselbe als ein wirklich und in allen Theilen aus Shakspere's Feder geflossenes Werk bekannt gewesen wäre. Dieses negative Argument kann auch durch den Umstand, dass die Quartausgaben sämmtlich auf dem Titelblatte Shakspere als Verfasser nennen, nicht entkräftet werden, denn auch anderen Dramen wurde schon zu Lebzeiten unseres Dichters auf dem Titelblatte der davon veranstalteten Drucke Shakspere's Autorschaft in durchaus unbegründeter Weise und in betrügerischer Absicht zugeschrieben. So waren von den sieben Schauspielen, welche als Shakspere’sche zuerst die dritte Folioausgabe von 1664 den 36 Dramen der beiden früheren Folioausgaben hinzufügte, drei mit Shakspere's vollem Namen als falschem Aushängeschilde schon vor dem Pericles in Einzelausgaben erschienen: Sir John Oldcastle im Jahre 1600, The London Prodigal im Jahre 1605 und A Yorkshire Tragedy im Jahre 1608; - und die andern drei Pseudo-Shakspere'schen Stücke der späteren Folioausgaben tragen wenigstens auf dem Titelblatte ihrer Quartoeditionen Shakspere's Anfangsbuchstaben W. S., wohl in gleicher betrügerischer Absicht, um Käufer anzulocken, zur Schau: Tragedy of Locrine im Jahre 1595, The Puritan im Jahre 1607, und Thomas Lord Cromwell im Jahre 1613. — Abgesehen von diesen an sich wenig glaubwürdigen Angaben des Titelblattes haben sich directe Zeugnisse, dass Pericles für ein Shakspere'sches Werk gegolten, erst aus einer NachShakspere'schen Zeit beibringen lassen; Zeugnisse, aus denen hervorgeht, dass allerdings um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts und später von den Dichtern und Literaten Pericles für ein unzweifelhaftes Drama unseres Dichters angesehen wurde, wie es scheint, auf Grund einer Tradition, die dem Pericles sicherer zur Seite gestanden, als den andern obengenannten sechs Dramen, welche neben dem Pericles die späteren Folioausgaben im Jahre 1664 und 1685 in sich aufnahmen.

Bei diesem Mangel an äusserer sicherer Begründung der Shakspere'schen Autorschaft bleibt nur eine Erwägung des Gewichts innerer Gründe übrig, und diese sprechen bei der auffallenden Ungleichartigkeit des Pericles in Styl und Vers, dessen Shakspere'sche Merkmale sich entschieden und unverkennbar charakteristisch nur in den letzen Acten des Pericles – vom dritten Acte an - nachweisen lassen, für die Annahme, dass unser Dichter ein älteres Drama theilweise in der Art umgearbeitet haben mag, dass er sowohl ganze Scenen aus seiner Feder an die Stelle der von seinem Vorgänger geschriebenen gesetzt, als auch die aus der früheren Arbeit beibehaltenen hie und da mit einzelnen Shakspere'schen Phrasen und Wendungen ausgestattet hat. Dass aber dabei weder die Wahl und Behandlung des Stoffes im Allgemeinen, in seiner Anordnung, noch der Gang der Handlung im Einzelnen von Shakspere modificirt, sondern vielmehr durchaus so beibehalten, wie der Vorgänger Beides mehr in naiv chronikenartiger, als in künstlerisch dramatischer Gestaltung hingestellt hatte, das scheint ganz unzweifelhaft. Wie an den beiden ersten Acten, in denen nur spärlich und vereinzelt hie und da Shakspere'sche Spuren sich verrathen, so mag auch in den drei letzten Acten an den Chorusreden des alten Dichters Gower, an der dahin einschlagenden Rede der Diana, sowie an einigen Uebergangsscenen, von Shakspere wenig oder nichts geändert und hinzugefügt sein. Die unverkennbaren Shakspere’schen Zuthaten aber deuten unzweifelhaft auf die reifste und späteste Periode in Shakspere's dichterischer Laufbahn hin, speziell auf die Epoche vor dem Jahre 1608, wo im Monat Mai The booke of Pericles, Prynce of Tyre als ein beabsichtigter Verlagsartikel nebst Antony and Cleopatra von Edward Blount in die Register der Buchhändlergilde eingetragen wurde, und wo ein untergeordneter Dichter, George Wilkins, eine Novelle erscheinen liess, die sich auf das Drama, als auf ein kürzlich aufgeführtes, bezog und gründete. Diese Novelle, betitelt The Painfull Adventures of Pericles Prince of Tyre. Being the true History of the Play of Pericles, as it was lately presented by the worthy and ancient Poet John Gower. At London Printed by T. P. for Nat. Butter, 1608 (in erneutem sorgsamen Abdruck herausgegeben von Tycho Mommsen. Oldenburg, 1857) ist besonders deshalb interessant, weil sie, wie Collier zuerst im Einzelnen nachwies, theilweise die Worte des Dramatikers in paraphrasirender Prosa wiedergibt, und wenn auch nicht wörtlich, so doch dem Sinne nach, manche Lücken ergänzen lässt, die sich in dem vielfach verstümmelten Texte des Dramas wenigstens vermuthen lassen. In den Anmerkungen zu der nachfolgenden Ausgabe ist deshalb · vielfach dieses bemerkenswerthe Verhältniss der Wilkins'schen Novelle zu dem Drama hervorgehoben, und als eine grössere Probe davon möge hier das zehnte Capitel der Novelle folgen, das der 3., 5. und 6. Scene des 4. Actes des Dramas entspricht:

Marina was no sooner thus concluded for, by the hee Bawde, but the Pyrates were as soone brought home to his masters house, and receiued their payment, when after their departure, she giuing commaund to the Pander her man, that he should goe backe into the Market place, and there with open crie proclaime, what a picture of Nature they had at home, for euery lasciuious eie to gaze vpon. The she Bawd beganne to instruct her, with what complement she should entertaine her customers: she first asked her, if she were a virgine. When Marina replyed, she thanked the Gods, shee neuer knew what it was to be otherwise. In so being quoth the she bawde, you haue beene well: but now in plaine tearmes I must teach you how to be worse. It is not goodnesse in you (quoth Marina) to teach me to be so: for goodnes answerd the bawd, it is a Lecture, such as we vse seldome, & our consciences neuer reade one to another, & therefore attend vnto me: you

must now be like a stake for euery man [to shoote) at, you must be like a foord that must receiue all waters, you must haue the benefite of all nations, and seeme to take delight in all men. I thanke my starres, answered Marina, I am displeased with none: for by this answere it appeared such was the puritie of her minde, that she understoode not what this deuills sollicitor pleaded vnto her: but she quickely taking her off, told in more immodest phrase, that shee had payde for her, and that she and all her body was hers, that will ye nill ye she must now be what she her selfe had beene, (and there is seldome any bawde, but before time, hath beene a whoore) that to conclude, shee had bought her like a beast, and shee meant to hire her out.

When she understanding unwillingly what all these wordes tended unto, she fell prostrate at her feete, and with teares showred downe in aboundance, she intreated her, not to make hire of her bodie to so diseasefull a vse, which shee hoped the gods had ordained to a more happy purpose. When the bawde answered her, Come, come, these droppes auaile thee not, thou arte now mine, and I will make my best of thee: and I must now learne you to know, we whom the worlde calles Bawdes, but more properly are to be stiled Factors for men, are in this like the hangman, neither to regard prayers, nor teares, but our owne profite. So calling for her slaue, which was gouernour ouer her she-houshold, this was her appoyntment vnto him, Goe quoth shee and take this Mayden, as shee is thus decked in costly apparell (for it is to be remembred, that the former Pirates had no way dispoyled her of her ornaments, with purpose to prise her at the higher rate) and leading her along, this be the crie thorow the whole Chitty, That whosoeuer desireth the purchase of so wondrous a beauty, shall for his first enioying her, pay tenne peeces of golde, and that afterward shee shall be common vnto the people for one peece at a time. Which will of hers, Marina being no way able to resist, but with her sorrowe, onely desiring of the good gods, to be protectors of her chastitie: She with this her slaue was hurried along, and who with the tenour of his priapine proclamation, had so awaked the intemperaunce of the whole Cittie, that against her returne, of high and low there was a full crowding at the doore, euery man carrying his money in his hand, and thinking him the happiest man that might first haue accesse. But heauen who is still a protector of Vertue against Vice, ordayned this for Marina, that the sending her abroad, with purpose, first to shew her, and after, to make sale of her to the worlde, was the onely meanes to defend her in the state of her virginitie. For as she was (as before is saide) led along, and thousands of people wondring about her, and flocking as it had beene so many flies, to infect so delicate a preseruatiue, it happened that Lysimachus the cheefe gouernour of Meteline, looking out at his windowe, to obserue what strange occasion drew the giddy hauocke of people, to muster themselues into such throngs: he, not without great admiration obserued, that it was to make boote of so pretious a beauty, whose inflaming colours which

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