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Berlin.

118. Doch sagte mir das Herze

Durchaus nunmehr im Leibe,

Es ginge nicht, dass länger ich

Im Haus des Vaters, des erzürnten, bleibe.
Fürwabr, viel ward von Freunden mir gerathen
Rings und Verwandten, dass ich blieb',.
Indem sie mir mit Bitten nahe traten.

119. Viel fette Schafe schlachteten

Sie und schleppfüss'ge Rinder
Gewund'nen Horns, und viele

Mastschweine, reich an Fett, nicht minder
Wurden besengt und über's Feu'r gebalten.
Dazu trank viel des Weines

Aus den Gefässen man des. Alten.

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Anthologie neugriechischer Volkslieder im Original mit deutscher Uebersetzung von Dr. Theodor Kind. Leipzig, Veit und Co. 1861.

117

Zunächst erwähne ich aus dem Vorwort die Absicht der Arbeit. Das Interesse, heisst es etwa VI ff, welches diese Volkslieder ansprechen,... gilt entweder dem ästhetisch-poetischen Gehalt oder der Sprache. Jedes von beiden ist in der Anthologie festgehalten und deshalb Original und Uebertragung mitgetheilt. Die Hauptsache ist freilich die Uebersetzung, indem es die vorzügliche Absicht war, den Inhalt dieser Lieder ausserhalb derjenigen Kreise, in denen bereits die nöthige Kenntniss der griechischen Vulgarsprache sich findet, kennen zu lehren. Die Arbeit soll dazu beitragen, die eigenthümliche Natur der neugriechischen Nationatät in weiteren Regionen bekannt und werth zu machen. Sie beansprucht also weniger ein philologisches Interesse, als ein „völkerpsychologisches."

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Die Gedichte sind in 5 Abtheilungen geordnet: 1) Historische Lieder. 2) National- und Klephtenlieder. 3) Romanzen und Balladen. 4) Aus dem häuslichen und Familienleben. 5) Liebes- und Klagelieder. (Auch die Klagelieder beziehen sich auf die Liebe). ww

Den Grund zur Trennung zwischen 1 und 2 begreife ich nicht. Wie unterscheiden sich z. B. folgende beiden Gedichte? wie nach Inhalt, oder Haltung, oder Sprache?

I, 6. Despo.")

Von fernher schallt ein laut Getös, viel Flintenschüsse fallen.
,,Ist es zu einem Hochzeitfest? zu einer Freudenfeier?""

Zu keinem Hochzeitsfeste ist's, zu keiner Freudenfeier;
Despo mit Schwiegertöchtern kämpft und kämpft mit Kindeskindern,
Hart wird sie bei Reniassa dort bedrängt von "Albanesen."

*) Das lebendige, fast dramatische Gedicht feiert die heroische That der Suliotin Despo, der Frau des Georg (Vs. 6) Borgis, im Kampf gegen Ali Pascha von Janina zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Kiapha (Vs. 8) ist ein Dorf.im Gebiet der Sulioten. - (Auszug aus der bezüglichen Anmerkung Kind's. 1-180 gibt er die Gedichte, yon da bis zu Ende Anmerkungen, davon siehe unten das Nähere.).

Georgaina, wirf die Waffen weg, hier bist du nicht in Suli,
Du bist des Pascha's Sclavin hier, des Albanesen Sclavin."
„Wenn auch sich Suli unterwarf und türkisch ward Kiapha,
Erkennt doch Liapiden nie Despo als ihre Herrin.“

Nimmt einen Feuerbrand zur Hand und all' die Ihren ruft sie:
„Lasst nicht uns Türkensclaven sein! umfasst euch, meine Kinder!"
Viel Pulverfässer waren dort, und wirft den Feuerbrand ein,
Und alle Fässer flogen auf und wurden all' Ein Feuer.

II, 2. Kolias.

Des Kolias Mutter sitzt allein auf einem hohen Felsen,
Und mit der Sonne hadert sie und mit dem Glanz des Mondes:
O sage, liebe Sonne, mir, die du die Welt umwanderst,
Hast Kolias nirgends du gesehn, den Kolias von Bityne?"
Ergriffen haben Kolias sie und werden ihn aufhängen.
Zehntausend Türken ihm voran und andre tausend folgen,
Zweitausend gehn zur Seite ihm und Kolias in der Mitte,
Bleich sah er aus, citronengelb, wie ein verwelkter Apfel.
Zu Ali Pascha führen sie'n, vor ihn sie Kolias bringen,
Und schon von Weitem grüsst er ihn und nahebei dann sagt er:
"Gruss, Ali Pascha, dir und Heil." Willkommen auch dem Kolias!"
Und zu dem Diener wandt' er sich und zu dem Diener spricht er:

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Kocht Kaffee für den Kolias nun, brennt ihm auch an die Pfeife,

Und bringt die Cither ihm herbei, dass er ein Lied uns singe,

Und sage, wie viel Türken er und Hauptleut' hat getödtet."
Und Kolias drauf erwidert ihm und sagt zu Ali Pascha:

„Der Türken habe tausend ich, der Hauptleut' acht getödtet."

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Und gleichwohl bist du noch zur Zeit entronnen meinen Händen?"

Entriss sein Schwert ihm alsogleich, hieb ihm den Kopf herunter.

Beides romanzenartige Ausführungen historischer Ereignisse, beide von gleicher Lebendigkeit, dramatischem Anflug, beide den trotzigen, todes verachtenden Sinn des für seine Freiheit kämpfenden Griechen athmend.

Noch weniger freilich ist ein scharfer Unterschied zu entdecken zwischen Gedichten, die wie das Koliaslied unter Nr. 2 stehen, und den unter 3 mitgetheilten Balladen und Romanzen. Warum wurde unter der dritten Ueberschrift nicht 1 bis 3 zusammengefasst? dann hätten wir die Gedichte unter einer Rubrik, die alle am meisten mit den Uhlandischen Balladenstoffen Aehnlichkeit haben. Das Princip der von Kind befolgten Trennung ist mir dunkel.

In Betreff der Bezeichnung des 4. Abschnitts und seines Unterschiedes vom 5. bin ich auch um eine Erklärung verlegen.

Weshalb gehört das erste von den beiden folgenden Gedichten, die ich der bessern Vergleichung halber gleich nebeneinander stelle, zu den häuslichen Gedichten, das zweite aber zu den Liebesliedern?

IV, 12. In der Fremde. Ziehet hin ihr lieben Vöglein,

ziehet glücklich heim,

Grüsset mir zu vielen Malen die
Geliebte mein.

Kommt ihr bei Athen vorüber,
kommt nach meinem Ort,

's steht ein Apfelbaum im Hofe, nah' der Pforte dort,

V, 8. Die Zauberin.

Ihr Wandrer, wenn ihr wandert nach der Heimath mein,

Im Hofe steht ein Apfelbaum, kehrt nur dorten ein.

Zieht hin und bringet Grüsse meinem Mütterlein,

Und bringet auch viel Grüsse meiner armen Frau,

Auf die Zweige setzt euch nieder, hebt zu singen an,

Saget meiner alten Liebe, dass sie's hören kann:

Dass sie mein nicht länger harre,

; auch erwarte nicht. Haben ach am fremden Orte hier gefesselt mich.

Nahm die Tochter einer Wittwe, einer Hexe Kind,

Die bezaubert alle Flüsse, und sie
fliessen nicht,

Und die Meere auch behext sie,
und sie strömen nicht,
Und bezaubert auch die Quellen,
dass sie laufen nicht."
Und die hat auch mich behexet,
kann drum kommen nicht:
Will ich auf den Weg mich machen,

Regen gibt's und Schnee,
Und so oft zurück ich kehre,
Sonn' und Sternenglanz.

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Wie wenig Sorgsamkeit muss aufgewandt sein, um solchen faux pas zu machen! Zwei Lieder, die nur Variationen desselben Thema's sind, sich nur in unwesentlichen Ausführungen, Weglassungen, Aenderungen unterscheiden, zwei verschiedenen Dichtarten zuzuweisen!

Ich glaube, alle Lieder des vierten Abschnitts liessen sich als Liebesgesänge oder Balladen auffassen. Dies sind die einzigen wirklichen Unterschiede, unter welche somit Alles fällt. *)

Die Uebersetzung will, wie der Verfasser Seite XXX-XXXII etwas dunkel und umständlich auseinandersetzt, treu und verständlich zugleich sein, der eigenthümliche Hauch des Originals soll mit Pietät gewahrt werden und dabei der Sinn und Geist des Gedichts doch klar sich deutlich machen. Wer wollte dagegen Etwas haben?.....

Ueber den Grad der Treue masse ich mir kein Urtheil an; verständlich ist die Uebersetzung meist. Die Verse fliessen, wie man, glaube ich, schon an den oben mitgetheilten Beispielen ersehen kann, leicht und angenehm. Im Ganzen ist es eine wohlthuende Lecture; es finden sich wenig Anstösse und Undeutlichkeiten. -I, 1. 18 höhnt ein Grieche springende Sarazenen:

99

Wie ihr's da mit dem Springen treibt, so könnten's auch die Frauen, Und dürre Frauen wären's nicht, es thäten's wohl auch schwang❜re." Der erste Theil von Vers 19 ist unverständlich; soll doch heissen: „Und es ist nicht einmal nöthig, dass sie dürr sind?"

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I, 5. 5:,,Sind Türken eingefallen nicht" kann man nicht sagen für: Es sind nicht die Türken eingefallen oder: Nicht Türken eingefallen sind.

*) V, 15 ist freilich vollständig eine Fabel, indem an dem Wettgesang zwischen Nachtigall und Königstochter, die sich gegenseitig ihre Vorzüge beneiden und ihre Mängel enthüllen, die Moral deutlich gemacht wird: „Ach! was das Herz des Andern drückt, Niemand kann das ermessen." Jedoch das Gedicht ist nur eine Variation des vorhergehenden, das ohne diese Gedankenspitze auftritt.

III, 20, 5 u. 6: Am Tische, wo gelagert sie (Plusquamperfect?), der Tafel, wo sie sassen,

Verstummte plötzlich das Gespräch, dann aber sprach ein andrer: (!) Ein Anderer kann nur einem besonderen „Einen" gegenüberstehn.

IV, 13 wünscht ein Unglücklicher, der in der Fremde Unbilden erleidet, seine Mutter möchte ihn nie geboren haben. Er fährt fort Vers 8: Was mach' ich hier? was will ich hier? was soll ich ihr (der Mutter?) gewähren?

Ist das ein passender Sinn? Das Original lautet:

Σὰ μὲ ἔκαμε, τί μ' ἤθελε; σὰ μ' ἔχει, τί μὲ θέλει; Eine sorgsame Durchsicht könnte so hier und da manches Schwerfällige, Ungenaue, sprachlich Gewaltsame beseitigen. Im Ganzen hat der Verfasser seinen Zweck erreicht, eine fliessende hübsche Uebertragung gegeben, die nicht abschreckt, wie's häufig geschieht.

Es bleibt noch Einiges über Anmerkungen und Vorrede zu sagen. Auch die Anmerkungen sollten streng den Zweck, den Laien mit der Natur, dem Sinn des griechischen Volkslieds bekannt zu machen, festgehalten haben: wie es die Uebersetzung gethan. Hier ist aber häufig Ueberflüssiges, häufig zu wenig geschehn. Die überwiegende Mehrzahl erklärt unregelmässige Formen, dient also dem nebensächlichen Interesse. Anmerkungen ferner nach Art der, wie sie zu II, 7 beliebt ist, kann Jeder entbehren: „Das Gedicht ist ein lebendiger Ausdruck der nationalen Feindschaft zwischen Griechen und Türken auf dem Grunde des religiösen Glaubens, und es feiert namentlich die Vorzüge der morgenländischen Kirche und des Christenthums." Wer das nicht allein sieht, dem ist nicht zu helfen, für den schreibt man aber auch Nichts.

Dunkele Gedichte, dunkele Vorstellungen habe ich häufig nicht erklärt gefunden. So war ich auf eine Erläuterung zu III, 19 wirklich begierig. Ich setze die Ballade ganz.her:

Der Vampyr.

O Mutter mit der Söhne neun, mit deiner einz'gen Tochter,
Mit ihr, der Lieblingstochter ihr, der vielgeliebten Tochter,
Und war sie schon zwölf Jahre alt, kam niemals an die Sonne,
Im Dunkeln badetest du sie, im Dunkeln du sie kämmtest,
Beim Sternenglanz, im Morgenlicht du ihr die Locken flochtest.
Von Babylon kam Botschaft dir, von dort kam eine Werbung,
Du solltest in die Ferne sie vermählen, in die Fremde.

Der Brüder acht wollten es nicht, der Konstantin nur wollt' es.
Gieb, Mutter, sie, Areten gieb, gieb sie nur in die Fremde,

"

Gieb sie nur hin in's fremde Land, wo ich bin, wo ich wandre,

Dass ich dort einen Trost auch hab' und eine Einkehr finde."

"

Bist klug doch sonst, mein Konstantin, doch sprichst du mir da
thöricht.

Und wenn zu mir der Tod nun kommt und Krankheit überfällt mich,
Wenn Leid mich oder Freude trifft, wer soll zu mir sie bringen?"
Gott selbst rief er als Bürgen an, die Heiligen zu Zeugen,
Wenn jemals zu ihr käm' der Tod und Krankheit sie befiele,
Wenn Leid sie oder Freude träf", dass er sie holen wolle.
Und wie sie hatten nun vermählt Arete in die Fremde,
Brach eine Unglückszeit herein und kamen böse Monde,
Des Todes Sichel fiel in's Land, es starben die neun Brüder,
Und blieb die Mutter nur zurück, und glich dem Rohr im Felde.
An acht der Gräber trauert sie, an acht der Gräber klagt sie,
Und an dem Grab des Konstantin hebt sie empor die Steine.
,,Steh auf, Konstantinakis mein, will die Arete haben;
Archiv f. n. Sprachen. XXXI.

14

Als Bürgen riefest Gott du an, die Heiligen zu Zeugen,

Wenn Leid mich oder Freude träf', du wolltest sie mir bringen."

Dies Wort trieb aus dem Grab' ihn auf, und aus dem Grabe stieg er,
Und nahm die Wolke sich zum Pferd, den Stern nahm er zum Zügel,
Den Mond nahm zum Begleiter er, er eilte sie zu holen.
Und über die Gebirge ging's, liess hinter sich die Berge,

Und traf sie, da sie kämmte sich, traf sie im Schein des Mondes,
Schon aus der Ferne grüsst er sie und schon von Weitem ruft er:
„Komm, Aretula, komm mit mir, die Mutter will dich haben."
„Ach web, mein Bruder, und warum muss es zu dieser Stunde?
Und wenn es etwas Freud'ges ist, will ich zuvor mich schmücken,
Doch ist's ein Leid, ach sag' es mir, so wie ich bin, so komm' ich."
„Komm nur, o Aretula mein, so wie du bist, komm mit mir.":
Und auf der Strasse, wo sie ziehn, dem Wege, den sie zogen,.
Da hörten Vögel singen sie, sie hörten Vögel sagen:

"

Wer sah ein schönes Mägdlein je ziehen mit einem Todten?"
„Hörst du, mein Konstantakis, wohl, was dort die Vögel sagen:
Wer sah ein schönes Mägdlein je ziehen mit einem Todten?"
Sind dumme Vögel, lass sie nur, was sie auch singen und sagen."
Und da es immer weiter ging, da sagten andre Vögel:

Wie traurig ist's, wie kläglich ist's, was wir da sehen müssen,
Und sehn da, wie Lebendige hinziehen mit den Todten !"

"

Hörst du, mein Konstantakis, wohl, was dort die Vögel sagen:

Dass sie da sehn, wie Lebende hinziehen mit den Todten?"
„Sind Vögel ja, lass singen sie, sind Vögel, lass sie sagen.“

Mir graut vor dir, mein Brüderlein, und duftest auch nach Weihrauch."
Wir gingen gestern Abend spät zum Dom des heil'gen Janms,
Und hat der Priester da zu sehr mit Weihrauch uns beräuchert:"
Und wie es immer weiter ging, da sagten and're Vögel:

Allmächt'ger Gott, was man dort sieht, und ist ein grosses Wunder,
Dass solch ein schönes Mädchen da ein Todter mit sich ziehet!"
Wie dies Arete wieder hört, zerreisst es ihr das Inn're:
„Hast, Konstantakis, du gehört, was dort die Vögel sprachen?
Und sage mir, wo ist dein Haar? wo ist dein macht'ger Schnurrbart?"
,,Sehr krank war ich und brachte mich die Krankheit nah dem Tode,
Und fiel mein blondes Haar mir aus und auch mein mächt'ger Schnurr-
bart."

Verschlossen finden sie das Haus, verschlossen und verriegelt

Mit Spinngewebe sehen sie die Fenster überzogen.

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Mach Mutter, auf, mach auf die Thür, ich bringe dir Areten."

,,Bist, Charos, du, zieh weiter nur, hab' keine andere Kinder,

Die arme Aretula mein ist weit in fremdem Lande."

„Mach, Matter, auf, mach auf die Thür, dein Konstantis ja bin ich; Als Bürgen rief ich Gott selbst an, die Heiligen zu Zeugen,

Wenn Leid dich oder Freude träf', ich wollte sie dir holen."

Und wie sie aus der Pforte trat, aus haucht sie ihre Seele. '

99

Wozu diese Ueberschrift? Hatte Constantis die Gestalt des Todesgottes wirklich angenommen, wie es Vers 64 andeutet? Weshalb stirbt die Mutter? auf welchen Vorstellungen beruht das? Blieb Aretula am Leben? Was ist der Sinn des Ganzen? Diese Fragen tauchten am Schluss sofort in mir auf. „Der Uebersetzer wird doch eine Erklärung versuchen." Ich sah die Anmerkung Seite 208 nach:

An das oben mitgetheilte Volkslied, wofür sich bei Tommasio (Canti Toscani Corsi Illirici Greci Venezia 1842), nach ihm auch in der Sammlung von Passow S. 396 fgg. noch zwei ähnliche Lieder finden, und von dem schon früher anderwärts bemerkt worden ist, dass es eine gewisse Aehnlichkeit mit

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